Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

360 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
Darauf gelang es schon im November 1870, nach der 
Septemberunterwerfung der Bischöfe unter das Vatikanum, in 
den damals stattfindenden Wahlen für das preußische Ab— 
geordnetenhaus etwa sechzig Abgeordnete als Anhänger des Kleri— 
kalismus wählen zu lassen. Daß diese Sechzig freilich eine kirch— 
liche Partei für sich bilden sollten, das widerstrebte damals noch 
gerade den Besten unter ihnen; Peter Reichensperger hat diese 
Möglichkeit sogar noch Ende 1870 als ein Unglück für die 
Katholiken bezeichnet. 
In der Tat waren auch die Mitglieder der künftigen Partei 
in sich noch nicht gefestigt genug; Windthorst selbst war auch 
äußerlich noch bei weitem mehr Welfe als Klerikaler; noch zweifelte 
er, obwohl gläubiger Katholik von Jugend auf, an der Unfehl— 
barkeit, und noch glaubte er andrerseits, auch die gemäßigten 
katholischen Elemente in den Kampf gegen das von ihm in der 
nun einmal bestehenden Gestaltung gehaßte Reich hineinreißen 
zu können, wie denn überhaupt in diesen Frühzeiten katholisch— 
konservativ und klerikal vielfach zusammengingen und man 
bei Beurteilung der Stellung des Klerikalismus der Jahre 1870 
bis 1878 nicht vergessen darf, daß damals auch die Pro— 
testantisch⸗ Konservativen der neuen Entwicklung des Reiches 
Opposition machten!. Erst die Wahlen zum Reichstage, März 
1871, brachten dann für die neue Partei völlige Klärung: jetzt 
erst erwuchs der Klerikalismus zur eigentlichen Parteiorganisa⸗— 
tion; die Beziehungen zu dem deutschen Partikularismus jeder 
Art, auch zu den protestantischen Welfen erweiterten sich auf 
das Polentum; die gemäßigten Laien verschwanden; die Bischöfe 
und mit ihnen alle letzten Reste romantisch-katholischer Aristo— 
kratie traten in den Hintergrund; die katholische Demokratie 
der Kanzel und des Beichtstuhls erhoh sich, die Ausbreitung der 
Kaplanspresse begann. 
Wenn dabei trotz alledem in der sich bildenden Partei noch 
auf den ersten Blick sehr heterogene Elemente saßen: neben den 
hochkonservativen bayerischen Adligen und Junkern aus Preußen 
S. dazu unten S. 673 ff.
	        
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