Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 661
so radikale Männer wie der Dr. Krebs aus Köln, der mit
Johann Jakoby im preußischen Abgeordnetenhause das Budget
zu verweigern pflegte: so war das nur anscheinend ein Wider⸗
spruch. Gerade dies war vielmehr, völlig konsequent nach der
bisherigen Entwicklung der katholischen Kirche im 19. Jahr⸗
hundert, das Bezeichnende, daß sich die politisch konservativen
und liberalen Extremen in der neuen Partei schließlich, je länger
je mehr allerdings unter Uberwiegen des Demokratismus,
zusammenfanden.
Dieser Doppelstellung entsprachen denn auch die beiden
Forderungen, die von der Partei im versammelten Reichstage
geltend gemacht wurden. Den Konservativen war es aus der
Seele gesprochen, daß, wie schon während fast des ganzen
rieges von den Klerikalen, so jetzt von der Partei gegenüber
dem Prinzip der Nichteinmischung in fremde Angelegenheiten,
das die Thronrede des Kaisers bei der feierlichen Eröffnung
ausgesprochen hatte, vielmehr die Forderung aufgestellt wurde,
das Deutsche Reich solle seine jungen Kräfte zur Restitution
—D— eine,
nach Ansicht des konservativen Zentrums, wohlbegründete
Forderung. Am 7. Oktober 1870 hatte der Kardinalstaats⸗
sekretür Antonelli den Gesanden des Norddeutschen Bundes
hbei der Kurie, Grafen Arnim, gefragt, ob der Papst, wenn von
dem piemontesischen Könige aus Italien vertrieben, in Preußen
eine Zuflucht finden werde? und hatte darauf eine zustimmende
Antwort erhalten. Darauf hatten im November 1870 Erz⸗
bischof Ledochowski von Posen und Kardinalerzbischof Bonne⸗
chose von Rouen bei Bismarck eine Intervention der deutschen
Politik zugunsten des Heiligen Stuhles gegen den Räuber des
Patrimoniums Petri nachgesucht: als wenn sich die Notwendig⸗
keit, so zu handeln, aus dem früheren Angebot eines Asyls
folgern ließe: und sie waren abgewiesen worden. Nun nahmen
sich die konservativen Elemente im Zentrum dieser Forderung
parlamentarisch an.
Die radikalen Elemente aber trieben die neue Partei dahin,
daß sie bei der Beratung der Reichsverfassung einen Antrag auf