666 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
vorwärts. Es zeigte sich bald, daß eine Gesetzgebung, die den
Standpunkt des Staates gegenüber den kirchlichen Genossen—
schaften generell festzulegen bestimmt war, auf den Widerstand
der konservativ-orthodoxen Strömungen in der evangelischen
Kirche stieß. Und diese waren nicht nur im preußischen Land—
tage stark vertreten; sie beherrschten auch noch großenteils die
Regierung, wie denn der Kultusminister von Mühler ihr
eifrigster Vertreter war, und fanden einen gewissen Rückhalt
auch an dem Träger der Krone selbst.
So hatte es kommen können, daß das Schulaufsichtsgesetz,
das dem Landtag am 14. Dezember 1871 vorgelegt wurde, im
Ministerrat gegen die Stimme des Kultusministers beschlossen
worden war. Und es war augenscheinlich, daß erst nach Be—
seitigung wenigstens dieses Ministers eine neue Schutzgesetz—
gebung Aussicht auf erfolgreiche Durchführung hatte. In dieser
Hinsicht brachte indes der Anfang des neuen Jahres Klärung.
Auf Drängen aller liberalen Parteien und der Freikonservativen
reichte der Herr von Mühler am 12. Januar 1872 seine Ent—
lassung ein. An seine Stelle trat der energische und selbständige
Geheime Oberjustizrat Falk.
Falk zog die bisher vorgelegten Gesetzentwürfe mit Aus—
nahme dessen über die Schulaufsicht zurück, um sie umarbeiten
zu lassen; das Schulgesetz aber fand im Februar und März
die Zustimmung der beiden Kammern. Dabei brachten die Er—⸗
zrterungen gelegentlich seiner Beratung wenigstens in einer
Hinsicht Aufschluß über die Ziele der Regierung. So sehr wie
diese die Notwendigkeit einer allgemeinen Übertragung der Schul—
aufsicht an staatliche Behörden prinzipiell gegenüber allen Kirchen
betonte, so ließ sie doch keinen Zweifel darüber, daß eine von
den kirchlichen Otganen, besonders den Pfarrern, absehende
Schulinspektion für sie nur da praktisch in Frage kommen werde,
wo sich Klerikalismus und politische Reichsfeindschaft ver—
knüpften: so vor allem in Polen. In der Tat ist das Gesetz
in diesem Sinne gehandhabt worden. Und ganz allgemein
sprach sich Fürst Bismarck in dem Sinne aus, daß er vor
allem eine Verquickung der Reichsfeindschaft, wie sie vornehm⸗