Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 667 
lich im deutschen Partikularismus blühe, mit dem Klerikalis⸗ 
mus vermieden sehen wolle. Darum suchte er denn auch das 
gentrum von seinem Führer Windthorst zu trennen: öffentlich 
in Reichstage rief er ihm zu, daß es „leichter mit dem Staate 
zum Frieden gelangen werde, wenn es sich der welfischen Führung 
entzöge“. Es war ein vergeblicher Versuch; eben an Windt⸗ 
horst als an ihrer „Perle“ hielt die Partei zäh fest. Und so schloß 
denn dieses erste Scharmützel des preußischen Kulturkampfes 
mit der ausgesprochensten Verquickung des Klerikalismus, des 
Polentums und des extremen Partikularismus. 
Im Reiche aber folgten bald Vorgänge, die neben dem 
parlamentarischen Vorspiel die ersten Vorgefechte mit der Kurie 
brachten. Die Kurie hatte bisher noch eine äußerlich freund⸗ 
liche Haltung gegen das neue Reich eingenommen; würdig hatte 
der Papst den Kaiser zur Aufrichtung der deutschen Einheit 
beglückwünscht, und längere Zeit hatte der Kardinalstaatssekretär 
Antonelli die energische Haltung des Zentrums anscheinend nicht 
völlig gebilligt. Dann aber hatten sich erste Spuren einer tat⸗ 
sächlichen Übereinstimmung mit dem Standpunkte der klerikalen 
Partei gezeigt. Es ist, bei allem starken Schwanken der generellen 
Beziehungen der Zentrumspartei zur Kurie, vielleicht doch ein 
wenig etwas wie ein typischer Vorgang für die ganze Ent⸗ 
wicklung und spätere Beilegung des Kulturkampfes: die extremen 
Forderungen werden zuerst nicht so sehr von der diplomatischen 
wie von der parlamentarischen Vertretung der Kurie geltend 
gemacht: hat diese die feindliche Stellung gelockert, so erfolgt 
erst dann der zentrale Angriff durch den obersten Vertreter der 
klerikalen Prinzipien selbst — falls nicht etwa eine parlamentarische 
Niederlage die Regierung schon vorher in die Arme der Kurie 
getrieben hat. 
Diesmal wurde die vom Zentrum eingenommene Angriffs— 
stellung von der Kurie dadurch erst zum Ausdruck auch ihrer 
Anschauungen gemacht, daß der von der preußischen Regierung 
in allerdings nicht herkömmlicher Weise im April 1872 zum 
Botschafter beim päpstlichen Stuhle präsentierte Kardinal 
Hohenlohe, ein Bruder des bayerischen Ministerpräsidenten, als 
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