6378 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
Hier kam nun der Regierung, in der damals, wie wir
wissen, neben Bismarck Roon als Ministerpräsident führend
mit auftrat und in seiner Person die vorhandenen Gegensätze
gleichsam noch einmal maskierte, der Zusammenhang zwischen
Klerikalismus und Partikularismus zu Hilfe. Als seitens der
Regierung die Tatsache in den Vordergrund gestellt wurde,
der polnische Erzbischof Ledochowski habe angeordnet, einer
Ministerialverfügung keinen Gehorsam zu leisten, wonach der
Religionsunterricht in den höheren Schulen der Provinz Posen
nur auf deutsch erteilt werden dürfe: da wurden die Konser⸗
vativen des Ostens an die Gefahr des polnisch-katholischen
Partikularismus erinnert und stutzig: und die Vorlagen gingen
durch.
So konnte das Gesetz über die Verfassungsänderung am
5. April und konnten die vier Kulturkampfgesetze, die ersten so—
genannten Maigesetze, am 15. Mai 1873 verkündet werden.
Diese Wirkung war merkwürdig.
Die preußischen Bischöfe protestierten von vornherein vom
Grabe des heiligen Bonifatius aus; es war vorauszusehen, daß
sie den Gesetzen nicht gehorchen würden.
Der Papst aber glaubte, wie einst Leo J. vor den Toren
Roms gegenüber Attila, durch ein ungewöhnliches Eingreifen
seiner Person und seines Amtes die Herzen der neuen Ver—
folger der Kirche Gottes wie Wasserbäche lenken zu können: —
freilich in der Form, daß er zugleich einen angeblichen Zwist
in den Reihen der Gegner benutzte. Am 7. August 1873 schrieb
er an Kaiser Wilhelm einen Brief, in dem er den Kaiser darauf
aufmerksam machte, daß die Maßregeln seiner Regierung auf
die Vernichtung des Katholizismus abzielten, und fortfuhr:
„Andererseits wird mir mitgeteilt, daß Eure Majestät das Ver—
fahren Ihrer Regierung nicht billigen und die Härte der Maß—
regeln wider die katholische Religion nicht gutheißen. Wenn
das wahr ist, werden dann Eure Majestät nicht die Überzeugung
gewinnen, daß diese Maßregeln keine andere Wirkung haben
können als diejenige, den eigenen Thron Eurer Majestät zu unter—
graben? Ich rede mit Freimut, denn mein Panier ist Wahr—