388 Fün fundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
Am 7. Februar 1878 war der leidenschaftliche Papst Pius IX.
gestorben. Sein Nachfolger Leo XIII., am 3. März 1878 ge—
wählt und gekrönt, war ein Mann ganz anderen Wesens.
Auch ihm fehlte weder Energie noch ein leidenschaftlicher Zug
zur Führung der Geschäfte, aber seine Art zu verfahren war
diplomatisch klug und stand unter der genauen Beobachtung
moderner Verkehrsformen. Auch lebte der neue Papst des
Glaubens, daß es für das Papsttum unbedingt notwendig sei,
die alte territoriale Stellung wenigstens der Zeit vor 1870
wiederzuerhalten; und da er Bismarck für den Mann hielt, in
diesem Punkte zu helfen, so war er geneigt, in der inneren Politik
Preußen und dem Reiche weit über die früher im Vatikan gezogene
Grenze entgegenzukommen. Da war es denn von vornherein wahr⸗
scheinlich, daß der neue Papst wenigstens Verhandlungen eröffnen
würde, statt alsbald den Bannstrahl zu senden.
In der Tat zeigte der Papst dem Kaiser seine Thron—
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dauern, „nicht die guten Beziehungen vorzufinden, welche einst
zwischen Preußen und dem heiligen Stuhl bestanden“ hätten.
An diese Anzeige knüpfte sich dann ein Briefwechsel mit dem
Ergebnis, daß man bei aller Übereinstimmung hinsichtlich der
Unmöglichkeit, die Prinzipienfragen zu lösen, doch zu ver—
traulichen Verhandlungen über einen modus vivendi schritt.
Die Verhandlungen, die durch den bayerischen Grafen
Holnstein, den glücklichen Vermittler schon des Kaisertitels im
Jahre 1870, ermöglicht worden waren, fanden zwischen Bis—
marck und dem Münchener Nuntius Kardinal Masella statt und
nahmen als nächste Schritte in Aussicht: seitens des päpstlichen
Stuhls das Zugeständnis der bischöflichen Anzeigepflicht bei
der Anstellung von Geistlichen, seitens Preußens die Wieder—⸗
herstellung des diplomatischen Verkehrs mit der Kurie. Sie
verliefen anfangs nicht ohne Schwierigkeit; dann trat man sich
näher; nach dem Nobilingschen Attentat schrieb der Papst in
herzlichem Tone an den Kaiser; eine Fahrt des Nuntius nach
1 S. ohben S. 560.