Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 689 
Dresden zur silbernen Hochzeit des sächsischen Königspaares 
brachte ihm eine Einladung nach Berlin: und ein badischer 
Rat, Gelzer, ging in halbamtlicher Sendung nach Rom. Aber 
dann kam es zu Stockungen: worauf Bismarck gelegentlich 
eines Badeaufenthaltes in Kissingen in persönliche Besprechungen 
mit Masella eintrat. Nun schien wieder alles zu glücken: da starb 
der Kardinal-Staatssekretär Franchi, der die Verhandlungen 
auf Wunsch des Papstes an letzter Stelle leitete, plötzlich, am 
1. August 1878. 
Und nun regte sich in Deutschland das Zentrum ge— 
waltiger als je; die partikularistischen Kräfte in ihm, in deren 
Interesse die Fortsetzung des Kampfes lag, traten mit Macht 
für dieses Interesse ein, und vergebens suchte sie Bismarck aus— 
zuscheiden; vielmehr brachte das Zentrum, um über seine 
Kampfesstellung keinen Zweifel zu lassen und sie zugleich zu 
festigen, im Dezember 1878 Anträge auf Aufhebung des Ordens⸗ 
gesetzes und Wiederherstellung der Artikel 15, 16 und 18 der 
preußischen Verfassung ein und stärkte damit in der Tat die Kräfte 
der klerikalen Agitation im Lande. 
Dann freilich ließ die übertriebene Spannung nach. Der 
Winter brachte, indem die Schwenkung Bismarcks von der 
liberalen zur konservativen Seite immer stärker hervortrat, auch 
eine Annäherung des Zentrums an den Kanzler: am 31. März 
1879 hatte man sich so weit gefunden, daß Windthorst mit 
Bismarck persönlich zusammenkam, um mit ihm über Zoll- und 
Finanzangelegenheiten zu beraten; am 3. Mai besuchte Windt⸗ 
horst gar einen parlamentarischen Abend des Reichskanzlers — 
und am 14. Juli erhielt der Kultusminister Falk, nicht ohne starke 
Einwirkung aus dem Bereiche der Konservativen, die Entlassung, 
die er schon im Frühjahr erbeten hatte. 
Und nun, nach diesen Wandlungen, begann Kardinal Nina 
die Verhandlungen von neuem, September 1879. Allein er 
forderte zunächst nichts Geringeres als die Abschaffung der 
Maigesetze. Natürlich rückten unter diesen Umständen die Be— 
sprechungen, wie sie erst in Gastein, dann in Wien geführt 
wurden, um keinen Deut vorwärts. Da legte sich der Papst
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.