Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

690 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
persönlich ins Mittel. Am 24. Februar 1880 erließ er an den 
Erzbischof von Köln ein Breve, indem er aussprach, er werde 
es dulden, daß der Regierung vor der kanonischen Einsetzung 
die Namen jener Priester angezeigt würden, welche die Bischöfe 
der Diözesen zu Teilnehmern ihrer Sorgen in der Ausübung 
der Seelsorge wählen würden. 
War nun damit die Anzeigepflicht im Sinne der preußischen 
Gesetzgebung zugelassen? Sanguinische Gemüter glaubten es. 
Allein ein Erlaß Ninas vom 23. März 1880 zeigte alsbald, 
daß dem nicht so sei; er umschränkte die Geltung des päpst— 
lichen Entgegenkommens aufs äußerste; und als sich ergab, daß 
daraufhin die preußische Regierung nicht geneigt war, die 
Rüstung ihrer Gesetze abzulegen, zog ein neuer Erlaß Ninas 
vom 14. Mai das Zugeständnis zurück. 
So war man im Grunde nicht um eines Haares Breite 
weiter gekommen; die Kirche hatte in ihrer Stellung gleichsam 
zwei Drehpunkte gezeigt, um die sich ihre Schwenkungen voll⸗ 
zogen, den Papst und das Zentrum, und beide waren von dem 
Kardinal-Staatssekretär geschickt ausgenutzt worden, um nichts 
oder alles, Fortführung des Kampfes in einer für die klerikale 
Agitation günstigen Form oder Aufhebung der Maigesetze zu 
erlangen. 
Bismarck gab darauf die Position in dieser Zwickmühle 
auf, indem er am 26. Mai 1880 die Verhandlungen mit Rom 
zur Rechtfertigung seines ferneren Verhaltens veröffentlichen 
ließ und nunmehr zur Herstellung dauerhafter Zustände den 
Weg einseitiger staatlicher Gesetzgebung beschritt. Hand in Hand 
mit dieser Anderung des Verfahrens ging später ein Wechsel 
im Kultusministerium; an Stelle Puttkamers trat am 17. Juni 
1881 der ruhigere, mildere Herr von Goßler. 
Nötig aber wurde dieses einseitige Vorgehen des Staates 
auf dem Wege der Gesetzgebung durch die Lage, in der sich 
die katholische Bevölkerung befand. Die Kulturkampfgesetze 
hatten bei dem fast völligen Widerstreben des Klerus aufs 
tiefste in das religiöse Leben eingeschnitten; im Sommer 
1880 waren von viertausendsechshundertundvier katholischen
	        
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