Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 699
was etwa gegen Ende des 19. Jahrhunderts über die inneren
Entwicklungsmotive des Klerikalismus und deren Zusammen⸗
hang mit anderen geistig-politischen Strömungen zu sagen sein
mochte. Inzwischen haben wir uns um fast ein Jahrzehnt weiter
von den Jahren und Jahrzehnten des Kulturkampfes entfernt:
Zeit genug im hastenden Laufe der modernen Entwicklung, um
auch eine neue Phase geistiger Entfernung herbeizuführen und
ein bereits mehr historisches Urteil zu gestatten.
Der Gegenwart erscheinen die Grundfragen, von deren Basis
aus man im Kulturkampfe stritt, von ihrem Denken her schon
nicht mehr ohne weiteres verständlich. Was dem ganzen Kampfe
doch am Ende den Charakter der Erbitterung, ja Verbitterung
und in manchem Betracht das Wesen eines Bürgerkrieges gab,
in dem nur nicht mit materiellen Waffen gefochten wurde, war
eine Grundlage öffentlich-ethischen Denkens, von der aus Staat
und Kirche noch immer, trotz manches Protestes dagegen, als
so ziemlich gleichberechtigte und jedenfalls als in gleicher Weise
öffentliche Gewalten erschienen. Gerieten nun diese Gewalten
in Zwist, so mußte es freilich, bei ihrer Erstreckung über die
ganze und ihrer Infiltrierung in die ganze Nation zu einem
inneren, zu einem geistigen Bürgerkriege kommen.
Täuscht man sich mit der Annahme, daß eine solche Art
des Denkens der Gegenwart doch schon fremd zu werden be⸗
ginnt? Die Welt kennt heute längst viel allseitiger und ein—
gehender die Möglichkeit ganz anderer Beziehungen zwischen
Staat und Kirche, als sie während des Kulturkampfes voraus⸗
gesetzt wurden: eine Möglichkeit, die auf die Formel „freie
Kirche im freien Staat“ oder, zur Erreichung des damit an⸗
gedeuteten Zustandes, auf die Formel „Trennung von Staat
ind Kirche“ hinausläuft. Und wir sehen in den Vereinigten
Staaten von Nordamerika die freie Kirche im freien Staate,
in Frankreich die Trennung von Staat und Kirche verwirklicht
oder der Verwirklichung zustrebend.
1 Man vergleiche zu diesem Abschnitte den Schluß der Einleitung in
Band J, insbesondere Band 1* S. 49 f.