74 9* Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
getreten sein, hätten die Deutschen des Reiches, wie Moltke
glaubte gewährleisten zu können, Frankreich damals noch ein—
mal und mit ihm vielleicht Rußland besiegt? Frankreich und
gegebenfalls Rußland würden an Territorium wenig verloren
haben. Aber eine mitteleuropäische Staatenkombination nach
Art des alten Deutschen Reiches, in modernen Formen selbst—
verständlich, würde sich gebildet haben: stark genug zur vollen
Geltendmachung der Nationalität, friedfertig genug, um nie—
mand anzugreifen, einig genug, um, wenn angegriffen, sich
mit Nachdruck zu schützen. Und der stille Daseinsdruck dieser
Kombination würde genügt haben, Osterreich in ganz anderer
Weise, als es nun geschieht und geschehen ist, die Pforten des
Orients zu öffnen: denn jetzt dringen die sterreicher immer⸗
hin in dünnen Linien vor; im anderen Falle aber würden hinter
ihnen unbedingt und stetig, in karreeartiger Tiefe, die Massen
der Deutschen aus dem heutigen Reiche gestanden haben. Über
die Wucht der Vorgänge, die dann möglich gewesen wäre,
möge man sich keinem Zweifel hingeben. Nicht Preußen, Oster—
reich vielmehr ist die große kolonisatorische Macht unserer Ge—
schichte. Oder hat etwa die Kolonisation des Nordostens rasche
Fortschritte gemacht? Einzelne Leistungen hervorragender
Herrscher des Hohenzollernhauses in Ehren: ganz anders ent—
schieden ist Osterreich vorgedrungen, mochte es, noch im Mittel—
alter, die Erreichung der Adria gelten oder später das Vor⸗
dringen gegen den Erbfeind der Christenheit, den Türken. Und
noch jüngst hat die Kultivierung der Herzegowina und Bosniens
binnen wenigen Jahrzehnten gezeigt, was Osterreich und vor
allem das österreichische Heer auf diesem Gebiete zu leisten
vermag: noch harren die slawischen Gebiete des Balkans des
schützenden Schattens seiner Adler!.
Also: auch auf dem schließlich äußerlichen Gebiete der
politischen Entwicklung, in der Herstellung der äußeren natio—
nalen Einheit, sind für Deutschland fundamentale Forderungen
1 Die Gedanken dieses Passus habe ich im Jahre 1902 zum ersten
Male niedergeschrieben.