Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

710 Fünfundzwanzigftes Buch. Fünftes Kapitel. 
in den Geisteswissenschaften anfangs noch allbeherrschend die 
Vorstellung von einem letztlich göttlichen Gehalt alles Menschen— 
wirkens, wie sie zentral in der Ideenlehre Wilhelm von Hum— 
boldts und Rankes erblühte, — aber die Schlußzeit brachte Ver— 
flachung ins Detail, Wühlen im Unbedeutenden unter zu⸗ 
versichtlichem Zurschautragen eines durch keinerlei höhere Vor— 
stellungsanstrengungen motivierten Agnostizismus, und darum 
willenlosen Anheimfall an fremde Mächte, in der Geschichte vor 
allem an die politischen Fragen des Werktags. 
War dies der allgemeine Verlauf und schauen wir jetzt zurück 
auf die politischen Dinge, die uns im Anfange dieses Abschnittes 
beschäftigt haben, so begreifen wir wohl, wie diese Entwicklung 
jener besonderen Betonung der mehr äußeren Willenskräfte, die 
alles politische Wesen kennzeichnet, nicht günstig sein konnte. 
Gewiß: es gab eine Zeit, in der sich geistige und politische 
Entwicklung auch in dieser Periode innerlichst nahetraten. Es 
war in dem Moment, in dem die hohe Leidenschaft der 
geistigen Entwicklung noch nicht verflogen, aber doch schon so 
weit konkret gestaltet war, daß sie politische Ideen liefern 
konnte und lieferte: es war die Zeit um die Wende des 
18. Jahrhunderts. Denn wenn diese Jahre auch noch an erster 
Stelle widerhallten von Dichtung und Gesang und den De— 
klamationen phantastischer Denker: wer wird sich nicht sagen, 
stellt er sich ihrem Geiste nahe: noch ein Schritt ins Greif⸗ 
bare, und Schiller wird ein gewaltiger Volksvertreter werden 
und Goethe ein starker Staatsmann? Wilhelm von Humboldt 
aber war Staatsmann, und Fichte spielte eine politische, ja 
eine kleine militärische Rolle. 
In der Tat ist dies der Moment gewesen, der in unserer 
Literatur — theoretisch also — zuerst die großen politischen 
Gedanken des Subjektivismus gezeitigt hat: in der Früh⸗ 
romantik liegen die Anfänge unseres liberalen wie konservativen 
Denkens, und beide erhalten schon dadurch eine besondere 
Färbung im Sinne eines freilich noch embryonalen subjekti— 
pistischen Demokratismus. 
Indes die Verbindung von Theorie und Praxis blieb zu
	        
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