Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

714 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
deutung; sie sieht in ihm vor allem das Zoon politikon und 
begreift es nur in seinen innigen, eben das subjektive Leben 
zum Ausdruck bringenden Beziehungen zur Gesellschaft, und 
das heißt auf politischem Gebiete vor allem zu den verwandten 
Kreisen der Verwaltungszugehörigkeit, der Lebensstellung, des 
Berufes. Diese Auffassung, es ist klar, mußte nun versuchen, 
dem langsam auftauchenden Gedanken der einzelpersönlichen 
Wahlrechtsvertretung des Subjekts im Staate einen anderen 
Gedanken mindestens als ergänzend zur Seite zu stellen: den 
der Vertretung der Einzelpersonen nach ihrer Zugehörigkeit zu 
halb öffentlich-rechtlichen Gesellschaftskreisen. Es war eine 
Korrelatforderung zu dem Postulate des allgemeinen Wahl—⸗ 
rechts, wie sie, heute noch nicht erfüllt, in Zukunft sehr wohl 
einmal in Oberhäusern verwirklicht werden könnte, deren Prinzip 
der Zusammensetzung eben dies gesellschaftliche, sagen wir kurz 
das Prinzip nach neuen Ständen sein würde. 
Nun: wenn dies eine nach dem Verlaufe der bisherigen 
Entwicklung fast unabweisliche Forderung der Vergangenheit war 
und der Zukunft zu sein scheint: ließ sich dann diese Forderung 
auf Grund der Entwicklung des Wirtschaftslebens und damit, 
nach dem Charakter der sozialen Entwicklung des 19. Jahr⸗ 
hunderts, auch der Gesellschaft, verwirklichen? Es ist von un— 
bedingter Wichtigkeit für das Verständnis der Bedeutung der 
deutschen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung dieser Zeit, 
daß diese Frage verneint werden muß. Die wirtschaftliche 
Entwicklung war in den entscheidenden fünfziger und sechziger 
Jahren noch mitnichten so weit fortgeschritten, daß sie auch 
schon eine neue, subjektivistische Gesellschaftsgliederung geliefert 
hätte: noch galten, wenn auch schon vielfach abgeschlossen 
und halb zerstört, die großen sozialen Unterschiede des 16. 
—I 
mann schien schließlich noch immer ausreichend, sie voll zu 
umfassen. Da versteht sich denn, wie der andere, sagen wir 
konservative Zweig des politischen Denkens, der das Subjekt 
des 19. Jahrhunderts am liebsten als Zoon politikon hätte 
einordnen mögen, praktisch nicht zu der ihm eigentlich zu—
	        
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