Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

716 Fünfundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
in dem überhaupt geschichtliche Urteile, auch wenn sie nur 
kausale Zusammenhänge festzustellen suchen, als abschließend 
betrachtet werden können? Noch ist dazu unsere Zeit längst 
nicht reif und nur in Aphorismen vermögen wir uns in der ge— 
forderten Richtung vorwärts zu bewegen; wie sich denn in dem 
vorigen Abschnitte das politische Urteil ganz allmählich der 
historischen Betrachtung untergeschoben hat. 
Sollten wir da nun gar imstande sein, die Erzählung der 
deutschen Schicksale im Stile dieses Buches noch über die erste 
Periode des Subjektivismus hinaus bis zur unmittelbaren 
Gegenwart fortzusetzen? Es wäre Vermessenheit, dies auch 
nur ernstlich zu denken; und läügst schon ist der Verfasser 
dieses Buches dem Bedürfnis, sich und andere bis zur Gegen⸗— 
wart zu unterrichten, in anderer, nunmehr den Dingen an— 
gemessenerer Form, in der Darstellung der Ergänzungsbände 
seines Werkes nachgekommen. 
Wird man nun aber unter diesen Umständen einen so— 
genannten „Schluß“ der hier vorliegenden langen, durch fünf— 
undzwanzig Bücher und elf Bände hin erstreckten Darstellung 
der Deutschen Geschichte erwarten? Eine Rekapitulation etwa 
des hauptsächlichsten Inhaltes? Eine kausale oder teleologische 
Betrachtung der wichtigsten Zusammenhänge bis auf unsere 
Tage? 
Sie zu wagen über das kurze Programm hinaus, das in 
dieser Hinsicht, von einem ganz bestimmten Gesichtspunkte, von 
der Geschichte des Nationalbewußtseins aus, in der Einleitung 
des ersten Bandes durchgeführt ist, hieße nicht nur einen Zu— 
sammenhang unterbrechen, der sich, wenn auch in modifizierter 
Form, in den Ergänzungsbänden fortsetzt: es hieße vor allem 
dem innersten Geiste der Geschichte selbst widersprechen. 
Denn mag man auch das historische Geschehen einer Nation, 
ja selbst der Welt, leichteren Verständnisses wegen und aus 
ästhetischen Rücksichten in Zeitalter und Perioden gliedern und 
sich des Rhythmus freuen, der ihm dann Ebenmaß gibt und 
den elastischen Schwung gleichsam des wandernden Mannes in 
guten Jahren: immer ist zu bedenken, daß, in der ausgeführten
	        
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