386 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
inneren verfassungsrechtlichen Gewinn; es ist in den Zeiten des
ersten Napoleon ruhmlos zugrunde gegangen. Dies alles be—
deutete für die äußere europäische Geschichte die stärkste Ver—
schiebung des politischen Schwergewichts; Westeuropa übernahm
jetzt, zunächst durch Spanien, dann durch Frankreich, schließlich
durch Frankreich und England vertreten, zu nicht geringem Teile
die Führung der europäischen Geschicke; und langsam bildete sich
andererseits, unter der Präponderanz des Westens, ein östliches
Zentrum aus, in den Anfängen von Polen und Schweden, seit
dem 18. Jahrhundert in steigendem Maße durch Rußland ver—
treten. Es war statt der einfachen zentralen Konstellation des
Mittelalters vielmehr eine elliptische Bildung mit zwei Brenn—
punkten, in deren häufig wechselnder Bedeutung die äußere
Geschichte Europas verlief.
Eines aber war bei dieser Konstellation, die das 16. bis
19. Jahrhundert beherrscht hat, klar: das alte europäische
Zentrum, nun degradiert, litt unter ihr außerordentlich. Für
Deutschland bedarf das keiner weiteren Ausführung; Dreißig⸗
jähriger Krieg, Spanischer Erbfolgekrieg, Siebenjähriger Krieg
und Napoleonische Zeiten reden hier eine deutliche Sprache: und
in den Zeiten dieser Kriege erschien die Nation so anscheinend
endgültig in ihre einzelnen Bestandteile zerfallen, daß gegen
deren Ende hin nationaler Patriotismus eine Empfindung war,
die, längst als Gemeingefühl der Massen verschwunden, von
den Helden der kulturellen Entwicklung erst wieder erweckt
werden mußte. Viel abträglicher für die nationale Einheit aber
verliefen diese Zeiten doch noch in Italien. Wie es hier nie—
mals zu der Zusammenfassung der einzelnen Bestandteile der
Nation zu einem Ganzen gekommen war, wie sie Deutschland
wenigstens im alten Reiche gekannt hatte, so hatten die neueren
Zeiten auch fast schon eine die Nationalität bedrohende Differen⸗
ierung der Kultur gebracht: wie wenig Zusammenhang hatten
doch im Grunde noch die Renaissancen von Süditalien, Florenz
und Venedig; und um wie vieles verschiedener nach Gemüt
und Charakter sind heute Sizilianer und Piemontesen, als die
Stämme Norddeutschlands etwa und des deutschen Südens. Und