Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 397
Delegierte, die das gemeinsame Abgeordnetenhaus bildeten.
Neben ihm stand ein Herrenhaus, das aus den Erzherzögen,
Bischöfen und vom Kaiser ernannten Personen allerhöchsten
Vertrauens bestand. Beide Kammern erhielten die gewöhnlichen
konstitutionellen Rechte.
Es war der letzte Versuch, in Hsterreich eine Gesamt⸗
verfassung zu begründen. Er mußte so, wie er eingeleitet
wurde, scheitern. Das auf legitimistischer Grundlage auf—
gebaute Reich konnte schwerlich in einer gemeinsamen konstitutio⸗
nellen Spitze nach altliberalem Rezepte enden. Zudem be—
deutete dieser Sieg des bürgerlichen Liberalismus und damit
der Bildung und des Besitzes innerhalb der Verhältnisse des
österreichischen Gesamtstaates eine starke Bevorzugung des
deutschen Elementes: es war ein letztes Mal, daß das Reich
auf die Deutschen vorzugsweise gestützt wurde. Dafür stellte
sich aber auch bald die Antipathie der anderen Völker ein; die
Ungarn, Böhmen, Polen beschickten das gemeinsame Parlament
zunächst gar nicht oder nur unter Verwahrungen, und in
Venetien wagte die Regierung nicht einmal die Einführung
des Landtags. Dennoch stellte das ganze Vorgehen entschieden
einen Fortschritt dar, und indem dieser mittelbar vor allem
den Deutschen zugute kam, lag darin auch die Absicht aus—
gedrückt, sich in den deutschnationalen Verhältnissen auch jenseits
der eigenen Grenzen den Forderungen der Zeit auf Freiheit
und Einheit anzubequemen.
Da kann es denn nicht wunder nehmen, wenn sich ziem⸗
lich gleichzeiig mit der Wendung in Österreich auch in einer
ganzen Anzahl deutscher Bundesstaaten ein gewisses Nachlassen der
Reaktion einstellte. Zumal, wie wir sehen werden, in gleicher
Zeit nicht minder selbst der Bundestag zu freieren Anschauungen
überging und in Preußen eine fortschrittliche Richtung lebendig
wurde. Auch die Reaktion des wissenschaftlichen Zeitgeistes gegen
die klerikalen Versuche, die staatliche Maßregeln gegen die Kirchen
forderte und damit auf das politische Gebiet übertrat, ist dabei
gewiß nicht ohne Einfluß geblieben.
Zwar in Sachsen, wo Beust sein Regiment antrat und in