Anhang.
schwach ist fast stets die Kunde, welche aus dieser Entwicklungs⸗
periode der Völker zu uns hinübertönt! Und wenn wir sie
wirklich einmal vernehmen, so spricht sie in den schwer ver—⸗
ständlichen Lauten der Jugendzeit, wie ein Kind, das lallend
uns anredet, ohne die Deutung der kundigen Amme. Hier
macht nur das Mittelalter der germanischen Nationen eine
Ausnahme. Ihm gab ein gütiges Geschick seine Amme in den
Traditionen römisch-griechischer Bildung und der christlichen
Anschauungsweise, und durch diese Vermittlung erhalten wir
deutliche und in ihrer Art einzige Einblicke in das Jugend—
leben eines Volkes, in die Werdezeit nationalen Lebens und
Wirkens.
Hierin liegt der spezifische Gehalt des Mittelalters, der
sich hindurchzieht durch die Jahrhunderte seiner Geschichte: nicht
aber im Streite geistlicher und weltlicher Gewalten, nicht im
Glanze und Erlöschen der imperatorischen Idee, kurz überhaupt
nicht in seiner politischen Geschichte. Diese kann in ihrer Ab—
wandlung nur die Symptomatik der eigentlichen nationalen
Entwicklung aufweisen, nicht den innersten Kern und die Ent—
faltung dieser selbst. Im Bereiche dieser letzteren walten andere
Gesetze, und die Grundpfeiler für einen Aufbau ihrer Dar—
stellung sind anderswo zu suchen. Sie müssen sich finden in
den Organismen des Volkes selbst, in seinen natürlichen oder
durch die nationale Individualität unabweisbar für immer ge⸗
gebenen Teilen. Erst wenn man die Entwicklung aller dieser
Teile sich klar macht, darf man aus ihrer Entwicklungssumme
auf die Entfaltung des nationalen Gesammtlebens schließen.
Wir bedürfen daher z. B. einer Geschichte des Individuums —
als notwendigsten Bestandteiles für die Gliederung eines Volkes —,
einer Geschichte des Stammescharakters, für das deutsche Volk
speziell, entsprechend seiner speziellen Beanlagung, einer Ge—
schichte des corporativen Begriffs, u. s.w. Es sind das freilich
teilweis noch ungelöste Aufgaben, von denen jede einzelne des
Schweißes jahrelanger Arbeit würdig ist, und es wäre Ver—
messenheit, auch nur eine von ihnen hier erledigen zu wollen.
Dennoch wird es immer von Nutzen sein, wenigstens einmal