Ueber Individualität im deutschen Mittelalter.
einen Voranschlag zum geschichtlichen Aufbau einer dieser Ent—⸗
wicklungen gegeben zu haben. Ich versuche dies für die Ge—
schichte der Individualität und des Verständnisses für die—
selbe während der Periode des eigentlichen deutschen Mittel—
alters.
Die ältesten Ueberlieferungen deutscher Geschichte lassen
eine Zeit erkennen, wo ein hoher Grad persönlicher Freiheit
der stärkeren Gebundenheit innerhalb der rechtlichen und wirt—
schaftlichen Schranken des Stammes parallel lief. Der Germane
der Taciteischen Epoche war eng beschränkt in der Disposition
über sein Eigentum, besonders das Grundeigentum, von dem
er fast nur ideelle Theile besaß; er war umschlossen von den
Banden eines strengen Familien- und Erbrechts. In jeder
Richtung materieller Cultur haftete an ihm unauslöschlich das
Merkmal seines Volkes und seines Stammes. Hier gab es
kein Mehr oder Minder; und einer Freiheit, die sich von der
uralten Satzung und Sitte der Nation irgendwie stärker los—
löste, genoß nur der Elende. Erst innerhalb der ungemein
scharf gezeichneten Individualität der Nation und des Stammes
begann das Einzelleben der Persönlichkeitꝛ. Aber die Be—
grenzung durch die Stammeseigentümlichkeit war fast die einzige
für den Germanen: innerhalb dieser herrscht Alles umfassend
die persönliche Freiheit. Vor ihr weichen sogar die fest ge—
zogenen Schranken des Standes: ein unglücklicher Fall der
Würfel, und die Knechtschaft war das Loos des Freien. Während
also die Nationalität gewisse Seiten der Persönlichkeit ganz
beherrschte, gab es für andere Seiten noch überhaupt keine
Norm. Eine kiefere Ausbildung der Individualität ist hiermit
nicht vereinbar; und das Wenige, was wir von unsern Ahnen
aus dieser Periode wissen, reicht aus, um zu zeigen, daß ihnen
auch das Verständniß für Individualität in hohem Grade ab—
ging. In der Mythologie hatte sich die genauere Gestaltung
Neberhaupt folgt durch die ganze Entwicklung hindurch die größere
Ausbildung der Einzelindividualität immer erst dem Abschleifen der scharfen
Merkmale der Nationalität.