Ueber Individualität im deutschen Mittelalter.
eine Weiterbildung der germanischen Entwicklung unter allzu—
starker Reception altclassischer Momente, zu denen sich dann
erst die genauere Fixierung des christlichen Gedankens gesellte.
Es ist das Zeitalter der ersten Renaissance, welche gegenüber
der zweiten autonomen und natürlichen des 15. und 16. Jahr⸗
hunderts die gemachte, die Renaissance von oben her genannt
werden kann. Ihre Erscheinungen tragen durchweg den Charakter
des Frühreifen, Treibhausartigen an sich. Am deutlichsten zeigt
sich das in der Kunst. Neben der wundervollsten Ornamentik
findet sich hier der Mangel jeglichen Sinns für die Erscheinung
des natürlichen Körpers, soweit nicht antike Vorlagen helfen:
es fehlt die langwierige Vorbildung des Formensinns, welche
nur eine Periode architectonischer Schulung zu gewähren ver⸗
mag. Ueberall, wie in der Kunst so im Glauben, auf dem Ge—
biete des Rechts und der Verfassung wie der Wirtschaft be—
gegnet uns der unbeugsame Willen des einen großen Mannes,
nicht die Erfüllung der Zeiten. Es ist bezeichnend, daß bis
zur Periode der humanistischen Renaissance Karl der Große als
Ideal eines Herrschers erschien: erst dann verdunkelt der Glanz
seines Bildes, erst von dort ab fand die Entwicklung ihre
Aufgaben nicht mehr im Vorbilde Karolingischer Vergangen—⸗
heit. Und dieser kurze überraschende Glanz des 8. und 9. Jahr⸗
hunderts war keineswegs ein epidemischer: nur geringe Kreise
des Volkes hatten Anteil an ihm. Nur durch ungerechtfertigte
Zurückdrängung der Nationalität in ihrem damaligen Bestande
ließ sich eine solche Ausbildung des Individuums erreichen,
wie wir sie an dem großen Karl und im Kreise seines Hofes
finden, und nur Geister von so scharf characteristischem Zu—
schnitt, wie Karl, konnten diese Ausbildung aufrecht erhalten.
Aber so sollte es nicht sein: es folgten schwache Charactere,
welche den Bestrebungen ihrer Umgebung zum Opfer fielen, Be—
strebungen, welche mit der Betonung kirchlich- internationaler
Politik die Vorliebe für das Altertum wach hielten. Es ist
bekannt, daß Ludwig J. nichts von jenen deutschen Liedern
wissen wollte, die noch sein Vater sammeln ließ. Karl II. der
Kahle recipierte voll und ganz die byzantinische Hofkleidung;