Anhans.
sein Großvater hatte es für eine Ehre gehalten, in der knappen
fränkischen Tracht einherzuschreiten. Und wie in diesen Äußer—
lichkeiten, so war auch innerlich in den Kreisen des Hofes die
klassische Bildung zu hoher Blüte gerathen. Hier wirkte ein
Scotus Erigena mit seinen von der sonstigen Denkweise des
Mittelalters so weit abweichenden Ansichten über die Autorität
der Ueberlieferung und Glauben und Wissen; für diesen Hof
entstand die Bibel von St. Paolo mit ihren auf lange un—
erreichten Miniaturen. Allein diese Scheinblüte war in Wahr—
heit eine Vergewaltigung an den mächtigen Stammesinteressen
des großen Reiches; eine innere Reaction erhob sich gegen sie,
unterstützt durch den Einbruch der Normannen und den äußeren
Verfall der Herrschaft. Noch nicht ein Jahrhundert, und der
Coloß zerfiel in mannigfache Splitter, welche das Ferment der
Nationalität sehr bald zu einer Reihe von Einzelstaaten ver—
band. Dieser Prozeß, beginnend schon mit dem Vertrage von
Virten, erreichte sein Ende um das Jahr 920. Seitdem können
wir von Deutschland, einem deutschen Staate und Volke
sprechen.
Indeß die Einheit war vorläufig nur eine äußere; noch
gravitierte das deutsche Leben nicht um das Centrum natio—
naler Individualität, sondern mächtig erhob sich aus dem Chaos
des 9. Jahrhunderts der Stammesbegriff als leitender Mittel-⸗
punct. Das zeigt sich politisch im Erwachen und Erstarken
des Stammesherzogtums, obgleich ein mächtiges Königsgeschlecht
schon um die Mitte des 10. Jahrhunderts dieser Entwicklung
das Herz ausbrach. Dauernder wirkte der Stammesgegensatz
auf dem Gebiete der Kunst. Noch die romanische Architectur
des 11. Jahrhunderts und des 12. Jahrhunderts in seinem
Beginn ist nicht nach Künstlerschulen zu gruppieren, sondern
nach Landsmannschaften: ihre Verschiedenheiten am Harz und
am Rhein entsprechen sächsischem und fränkischem Stammes—
geist. Noch bis weit in das 11. Jahrhundert hinein hielten
die Stämme eifersüchtig darauf, daß keiner den andern über—
rage: daher der Haß der Sachsen auf die schwäbische Um—
gebung Heinrichs IV., daher der überraschende Umstand, daß nach