Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

Anhang. 
einzelne Erscheinungen der höfischen Dichtung, ein armer Hein— 
rich, ein Otto mit dem Barte, die Dorflieder Neidharts von 
Reuenthal, den Weg. Aber erst der Bürgerstand mit seiner 
Beobachtungsgabe für die Einzelheiten des Alltags, mit seiner 
scharfen Beurtheilung scharfer oder lächerlicher Seiten des Einzel⸗ 
lebens brachte diese Gattungen zur rechten Blüthe. Hier war 
es, wo das Verständniß für individuale Beanlagung seine rechte 
Stätte fand; hier reifte beim Abschluß des Mittelalters die 
schönste Frucht dieses Verständnisses, die Satire. Wie die Lyrik 
in den Liedern auf einzelne Stände satirisch zu werden begann, 
so die Epik im Reineke Fuchs. Bald aber schuf sich diese 
Richtung ihren eigenen vollen Ausdruck: überall wucherten die 
Erzählungen von Schildbürger- und Lallenstücklein empor, Till 
Eulenspiegel entstand. Zur vollen Kunstblüthe aber erhob diesen 
jüngsten Zweig der Dichtung Sebastian Brant und neben ihm 
Thomas Murner. 
Bezeichnend für das vorgerückte Verständnis der Indivi— 
dualität ist neben der Satire das Entstehen des Dramas. Zwar 
finden sich nur die rohesten Anfänge dieser Gattung; fast nur 
biblische Gestalten treten auf, an denen man den Mangel jeg⸗ 
licher Characterschilderung leichter missen mag, weil sie all⸗ 
gemein bekannt sind: sie erscheinen durchweg noch sehr un—⸗ 
beholfen und erinnern an den hieratischen Typus der ersten 
Sculpturversuche im 10. und 11. Jahrhundert. Neben den 
biblischen und legendarischen Figuren finden sich fast nur noch 
burleske; den letzteren wie den ersteren ist gemeinsam, daß für 
sie eine grobe Characterisierung mit wenigen grellen Stücken 
genügt. Und wiederum die Handlung, wie sie sich öfters in 
Allegorien zwischen altem und neuem Testamente bewegt, er— 
innert sie nicht an jene großen Systeme gothischer Portal— 
sculpturen, welche mit ihren Darstellungen alten und neuen 
Glauben umfassen und parallelisieren? Wie diese Systeme, so 
ist auch die Handlung des Dramas noch durchweg discursiv, 
eine Intrigue in demselben, eine Schürzung des Knotens ist 
unerhört. 
Kein Zweifel, daß damit dem Schauspiel des 15. Jahr—
	        
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