Anhang.
Harmonie wirkt auch auf den Beschauenden feierlich und be—
ruhigend. Es spricht aus dieser Auffassungsweise etwas wie
von einer unbekannten seligen, aber für uns unnahbaren und
stummen Welt. (Besonders bei den Bildern von Stuerbout!.)
Erst mit dem vollen Absterben der mittelalterlichen Welt—
anschauung schwindet dieser Charakter, und raschbeschwingt ent—
steht in wenig Jahrzehnten eine neue Auffassung, welche in
den Malergrößen der Reformationszeit ihre Dolmetscher findet.
Hier ist wenig oder nichts mehr von jener objectiven Auffassung
zu finden; man fühlt es: diese Bilder sprechen unsere Sprache,
es steht kein untergegangenes Zeitalter mehr zwischen uns und
ihnen?. Gleichwohl bezeichnen die Werke des 15. Jahrhunderts
auch an sich eine Zeit hoher künstlerischer Vollendung: ihr In—
halt weist hin auf eine Epoche ungemein erstarkter Persönlich-—
keit, ihre staunenswerthe Technik eröffnet einen Blick in die
bescheidene Solidität deutschen Bürgerthums. Das Recht der
Individualität ist errungen und sie bewegt sich frei noch in selbst⸗
erzogener Schranke; die Persönlichkeit steht noch nicht absolut
da, sie drängt sich noch nicht hervor, sie will noch Nichts als
solche gelten. Der altdeutsche Maler übte seine Kunst um
Gottes und der Kunst willen, nicht um seinetwillen; nur selten
und dann meist in rührender Bescheidenheit nennt er sich als
den Schöpfer seines Werkes. Und doch lebte er in jener Zeit
ausgeprägten Sondergefühls, welche die Personennamen ent—⸗
stehen sah.
Es ist gewiß: die Thatsache des Einzellebens, der indivi—
dualen Ausbildung war gegeben, aber man war noch sehr fern
davon, diese Thatsache ganz zu verwerthen und aus ihr alle
practisch möglichen Folgen zu ziehen. So hielt sich das Alte
neben dem Neuen: wie zwei Flüsse nach ihrer Vereinigung wol
noch weithin sichtbar verschiedene Strömung und Färbung
Heute Dirk Bouts (Zusatz von 1909).
Man wird diese Erfahrung recht deutlich machen, wenn man etwa
den Johannes des van Eykschen Altarwerkes, und nach ihm den Johannes
der Dürerschen Apostelbilder betrachtet. Gelegenheit hierzu ist im ersten
Saale der Müncheuer älteren Pinakothek geboten.