Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 47 
hunderts noch eine Reihe der wesentlichsten Erfordernisse drama— 
tischer Kunst mangelte; grade hier zeigt sich am deutlichsten, 
wie viel noch künftigen Geschlechtern für die Ausbildung der 
Individualität zu thun blieb. Aber die Zeiten des Mittel⸗ 
alters waren erfüllt. Wesentliches zur Entwicklung freier In— 
dividualität waren geleistet, die Bande übermächtiger Natio⸗ 
aalität, vorherrschenden Stammes- und Gemeindegefühls waren 
gesprengt, und dem Individuum war in kleineren freien und 
dem Wandel der Zeit mehr unterworfenen Verbindungen die 
Stätte seiner Ausbildung angewiesen. Zu streng rechtliche 
Fesseln waren, wo nötig, zu biegsameren moralischen oder wirt⸗ 
schaftlichen geworden, und zugleich war die Moral erstarkt und 
systematisch begründet, die Volkswirtschaft an ihren vornehmsten 
Punkten befreit vom Zwange antiquierter Rechtsbildung. 
Aber man soll nicht übersehen, was fehlte. Es fehlte 
eine klare Stellung des Individuums zur übersinnlichen Welt — 
der Drang, sie zu schaffen, wurde von der Kirche mißbilligt 
und unterdrückt; es fehlte der historische Sinn, das Verständnis 
für Zustände und Leistungen fremder Zeiten, und mit diesem eine 
gediegenere politische Ausbildung und vorurtheilsfreiere Wissen⸗ 
schaft — die Wiedererweckung klassischer Studien in den An— 
fängen der Renaissance, die Erfindung der Buchdruckerkunst 
sollten hier Abhilfe schaffen. So erwachte in langsamer Reform 
während des 15. und 16. Jahrhunderts, ausgehend von den 
Anschauungen der Alten, eine freie Wissenschaft, eine durch 
nichts Gegenwärtiges voreingenommene Anschauung des Zeit— 
laufs. Auch sie mußte volle Auseinandersetzung auf allen Ge⸗— 
bieten wünschen, nicht zum Wenigsten in der Frage nach dem 
Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Hier traf sie auf jene 
antihierarchische Richtung, welche, aus urdeutschem Quell ge⸗ 
lossen, schon seit Jahrhunderten eine freiere Stellung des 
Individuums zur Religion erstrebte. Hier galt es nicht Reform, 
hier galt es Kampf und Umwälzung. Dies wurde die Signatur 
der ersten Zeit religiöser Erregung im 16. Jahrhundert, bis 
späterhin unter der Autorität Luthers der conservative Gedanke 
der Reformation obsiegte.
	        
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