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Bildende Kunst.
diesen Jahrhunderten erreicht ward, war die eingehendste
realistische Kenntnis des Einzelobjektes. Dies Objekt wird für
sich betrachtet und so im höchsten Maße plastisch gesehen:
daher der Erwerb der vollen Fähigkeit der Wiedergabe des
Umrisses und der Lokalfarbe. Dagegen keine volle Einordnung
der Einzeldinge in das Ganze, vor allem nicht in das Ganze
des Lichts, in das Ambiente, wie es einige Vorläufer späterer
Zeiten in dieser Periode schon genannt haben, — und darum
keine Erfassung der Außenwelt als eines in sich geschlossenen,
lückenlos in sich zusammenhängenden Ganzen von Licht—-
eindrücken.
Dem individualistischen Zeitalter folgte seit Mitte des
18. Jahrhunderts das subjektivistische. Das ist die Zeit der
Empfindsamkeit, des Freundschaftskultus und des Aufkommens
der Psychologie als einer von der Metaphysik unabhängigen
Wissenschaft, der Kulturgeschichte, der Statistik und der Lehre
vom Staate als einem Organismus: die Zeit, in der der
Mensch im Menschen den höchsten Gegenstand der Liebe und
der Erkenntnis sehen lernte: die Zeit einer Auffassung des
Menschen als eines nicht bloß individuellen, sondern sozialen
Wesens. Jetzt begriff man, daß die Welt sich gewiß zunächst
in jedem Einzelnen widerspiegele, aber nicht gleichmäßig in
jedem, sondern verschieden nach dem Subjekt: daß jeder Mensch
insofern intellektuell der Herr der Welt sei in seiner Weise,
daß aber erst die Summe aller individuellen Potenzen, die in
einer menschlichen Gemeinschaft in sehr verschiedenartiger Weise
begriffen seien, organisch verbunden ein Kulturganzes bilde:
ein Kulturganzes, in dem eine höhere Menschlichkeit sich ent⸗
wickeln und der Einzelne an seinen Aufgaben wachsen könne.
So stand der Mensch jetzt nicht mehr isoliert da, als Indi—
biduum, sondern sozial, auf andere bezogen, als Subjekt. Und
mit Recht ließ sich auf Grund der Beobachtung dieser be—
sonderen Stellung dem Zeitalter der Name des subjektivistischen
geben, der anfangs nur von der Erkenntnistheorie Kants ge—
golten hatte.
In all diesen Zusammenhängen liegt zugleich die Be—