Bildende Kunst.
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gründung dafür, daß dies Wort und der dahinter stehende
Begriff ohne Schwierigkeit auch auf die bildende Kunst dieser
Zeit und vornehmlich auf deren jetzt führenden Zweig, die
Malerei, angewendet werden kann. Denn das, was die Kunst
dieses Zeitalters giebt, ist eben der subjektive Eindruck, den der
Künstler der Erscheinungswelt entnimmt und unter stärkerem
oder schwächerem Einleben seiner Persönlichkeit in den Gegen—
stand zum Kunstwerk zu gestalten sucht. —
Wir sehen jetzt, daß die subjektivistische und die indi—
vidualistische Kunst des 19. und der vorhergehenden letzten
drei Jahrhunderte nichts ist, als der ins Ästhetische gezogene,
der Phantasiethätigkeit zugewandte Ausdruck der Psyche dieser
Zeiten. Sollte es mit der Kunst der vorhergehenden Zeitalter
anders sein? Wie wäre es möglich: bildet doch die Phantasie—
thätigkeit eine so wichtige Seite des jeweiligen Seelenlebens,
daß die anderen Gebiete desselben notwendig mit ihr in be—
ständigem wechselseitigen Verhältnis stehen müssen: so daß
jede wohl abgegrenzte und (wie das nun einmal zum leichteren
Verständnis nicht anders geht) in Perioden zerlegte Abwandlung
der Kräfte der Phantasiebildung nur ein Ausschnitt ist aus dem
analog verlaufenden, nur viel umfangreicheren Prozeß des
gesamten nationalen Seelenlebens überhaupt. Übrigens könnte
der Beweis für jedes einzelne Zeitalter auch aus den That—
sachen selbst anschaulich und leicht erbracht werden, wenn es
die Okonomie der Darstellung an dieser Stelle zuließen.
Was haben wir also? Vor uns tauchen von der Urzeit
ab bis zur Gegenwart fünf Zeitalter der Entwicklung der
nationalen Psyche auf, und ihnen gehören naturgemäß fünf
Wandlungen der bildenden Künste und insbesondere der Malerei
an: vom Symbolischen ins Ornamentale, von diesem ins
Typisch⸗Konventionelle, hiervon ins Individualistische und von
diesem wieder ins Subjektivistische schreitet die Entwicklung
fort. Und diese Wandlungen kommen zur Erscheinung in der
Erbracht ist er in meiner Deutschen Geschichte Bd. 126 passim.