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Bildende Kunst.
sehr verschiedenartigen Behandlung des Umrisses und der Farbe:
wobei das älteste Zeitalter fast nur den Umriß, das jüngste
fast nur die Farbe kennt.
Diese geschichtlichen Erfahrungen können schematisch und
äußerlich erscheinen. Wie wenig sie es sind, vermag mit
vollstem Erfolg hier nicht dargethan zu werden: es hieße eine
deutsche Kunstgeschichte in organischem Aufbau ihrer Entwicklung
vortragen. Wohl aber läßt sich an einem wichtigsten Beispiel
mit zwei Worten zeigen, was eine klare Periodisierung der
Entwicklung von Umriß und Farbe bedeutet. Man wird nicht
zweifeln, daß das jeweilige ästhetische Raumgefühl einer der
wichtigsten Faktoren der kunstgeschichtlichen Entwicklung ist. Nun
erweist sich aber die Geschichte des Raumgefühls als in gänzlich
untrennbarem Zusammenhang mit der des Umrisses und der Farbe
befindlich, oder, wenn man das lieber hört, die Entfaltung
des Raumgefühls findet unmittelbaren Ausdruck in den Wand—
lungen von Farbe und Umriß. In der ersten, symbolistischen
Periode ist das Raumgefühl noch so gering, daß eine bloße
symmetrische Anordnung von Linien und anderen Dekorations—
teilen ohne Umrahmung befriedigt; im ornamentalen Zeitalter
ist der Raum des Ornaments stets schon gebunden: es besteht
eine Umrahmung, innerhalb deren sich die Ornamente um einen
virtuellen Mittelpunkt legen in dem Sinne, wie man in dem
Ornament des Rokokos von der Anordnung der Schmuckteile
um ein virtuelles Centrum reden kann. Dabei werden in beiden
Zeitaltern nur die beiden Dimensionen der Länge und Breite
bewältigt. Das dritte, mittelalterliche Zeitalter bringt dann
in stetig zunehmenden Versuchen der Linearperspektive die erste
Anschauung der dritten Dimension und die ersten Fragen der
Raumvertiefung; das individualistische Zeitalter setzt diese Ver—
suche fort, indem es die Linearperspektive bewältigt und, freilich
noch unvollkommen, die Luftperspektive hinzuzieht; das Zeitalter
endlich, in dem wir uns befinden, hat eine bis dahin unerhörte
Raumvertiefung auf dem Wege der Wiedergabe des belichteten
Farbeneindruckes erzielt.
Wird man nun noch an der Fruchtbarkeit einer ent—