Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
sehr verschiedenartigen Behandlung des Umrisses und der Farbe: 
wobei das älteste Zeitalter fast nur den Umriß, das jüngste 
fast nur die Farbe kennt. 
Diese geschichtlichen Erfahrungen können schematisch und 
äußerlich erscheinen. Wie wenig sie es sind, vermag mit 
vollstem Erfolg hier nicht dargethan zu werden: es hieße eine 
deutsche Kunstgeschichte in organischem Aufbau ihrer Entwicklung 
vortragen. Wohl aber läßt sich an einem wichtigsten Beispiel 
mit zwei Worten zeigen, was eine klare Periodisierung der 
Entwicklung von Umriß und Farbe bedeutet. Man wird nicht 
zweifeln, daß das jeweilige ästhetische Raumgefühl einer der 
wichtigsten Faktoren der kunstgeschichtlichen Entwicklung ist. Nun 
erweist sich aber die Geschichte des Raumgefühls als in gänzlich 
untrennbarem Zusammenhang mit der des Umrisses und der Farbe 
befindlich, oder, wenn man das lieber hört, die Entfaltung 
des Raumgefühls findet unmittelbaren Ausdruck in den Wand— 
lungen von Farbe und Umriß. In der ersten, symbolistischen 
Periode ist das Raumgefühl noch so gering, daß eine bloße 
symmetrische Anordnung von Linien und anderen Dekorations— 
teilen ohne Umrahmung befriedigt; im ornamentalen Zeitalter 
ist der Raum des Ornaments stets schon gebunden: es besteht 
eine Umrahmung, innerhalb deren sich die Ornamente um einen 
virtuellen Mittelpunkt legen in dem Sinne, wie man in dem 
Ornament des Rokokos von der Anordnung der Schmuckteile 
um ein virtuelles Centrum reden kann. Dabei werden in beiden 
Zeitaltern nur die beiden Dimensionen der Länge und Breite 
bewältigt. Das dritte, mittelalterliche Zeitalter bringt dann 
in stetig zunehmenden Versuchen der Linearperspektive die erste 
Anschauung der dritten Dimension und die ersten Fragen der 
Raumvertiefung; das individualistische Zeitalter setzt diese Ver— 
suche fort, indem es die Linearperspektive bewältigt und, freilich 
noch unvollkommen, die Luftperspektive hinzuzieht; das Zeitalter 
endlich, in dem wir uns befinden, hat eine bis dahin unerhörte 
Raumvertiefung auf dem Wege der Wiedergabe des belichteten 
Farbeneindruckes erzielt. 
Wird man nun noch an der Fruchtbarkeit einer ent—
	        
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