Bildende Kunst.
79
wicklungsgeschichtlichen Betrachtung von Umriß und Farbe
zweifeln?
Aber noch mehr: es ist die einzig zulässige. Der Nach—
weis dieser Thatsache führt zu Gedankenreihen, die beim Leser
wohl schon längst angeklungen sein mögen.
2. Es ist bisher von einem symbolistischen und einem
ornamentalen Zeitalter gesprochen und es ist behauptet worden,
daß in dem ersten dieser Zeitalter die Gegenstände der Er—
scheinungswelt in der Kunst nur in den allerallgemeinsten Um—
rissen, noch nicht einmal ornamental, und in dem zweiten Zeit—
alter nur ornamental seien wiedergegeben worden. Liegt da
nicht die Frage auf den Lippen, ob denn etwa gar die Menschen
dieser Zeitalter nur ornamental oder noch nicht einmal orna—
mental gesehen haben sollen, so daß sie eben auch nur orna—
mental oder noch nicht einmal so zeichnen konnten?
Die Antwort lautet: ja und nein, je nach dem, was man
unter Sehen versteht. Zunächst: es ist kein Zweifel, daß die
Menschen dieser Zeiten auch naturalistisch sehen konnten, wenn
sie wollten. Wir haben Überlieferungen schon aus dem 7. und
83. Jahrhundert, in denen, im Gegensatz zur gleichzeitigen orna—
mentalen Kunst, Deutsche Tiere und Verwandtes ganz natura—
listisch gezeichnet haben; ja, vereinzelt reichen solche Über⸗
lieferungen für die Nordgermanen bis weit in die vorgeschicht⸗
lichen Jahrhunderte zurück. So bestand ein doppeltes Sehen?
Gewiß. Die physiologischen Reize, welche den Augennerv er⸗
faßten, und das Bild auf der Netzhaut waren in dem Auge
der Germanen im allgemeinen — sie mögen freilich durch—
schnittlich schärfer gesehen haben als wir — ganz dieselben
wie bei uns. Und wenn ein Germane dies physiologische Bild
unmittelbar, nach der Natur, mit äußerster Intensität und Treue
durch den Stift festzuhalten suchte, so war das Ergebnis im
allgemeinen das gleiche, wie bei einem dilettantischen Zeichner
von heutzutage. Anders dagegen, wenn derselbe Germane als
Künstler schuf: dann kam bei der Wiedergabe des Gesehenen