Bildende Kunst.
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zu gestalten, ist deshalb notwendige Voraussetzung für die Ent—
wicklung einer höheren Kunst.
So ist der Fortschritt der Kunst bedingt durch die Art
und Weise, die Form des menschlichen vollbewußten Sehens:
ein formales Prinzip liegt den Entwicklungsperioden der Kunst
zu Grunde, nicht ein Prinzip, das stofflich aus den Gegen—
ständen der Kunst genommen werden könnte.
Es ist das ein Moment, das auf das entschiedenste betont
werden muß, sowohl für die Gegenwart, in der man wieder
viel von einer Stoffkunst hört, wie auch für die jüngst ver—
flossenen Jahrzehnte, während deren viele niemals zwischen
Armeleutemalerei und Freiluftmalerei, zwischen stofflichem und
formalem Naturalismus unterscheiden lernten. Was aber muß
man gar von einer Geschichtschreibung und noch mehr von einer
historischen, sei es der Litteratur oder der Dichtung oder
anderen Gebieten angehörigen Forschung denken, die sich von
stofflichen Prinzipien beherrschen läßt? Darstellung wie Unter—
suchung werden auf historischem Gebiete von vornherein irre
gehen, wenn sie nicht streng daran festhalten, daß für jedes
geschichtliche Verständnis das Ausgehen von der Entwicklung
der Form notwendig ist.
Denn was ist die Form? Sie ist gegenüber dem Stoff,
den die Erscheinungswelt in der einen oder anderen Weise
stellt (Gegenstand der Darstellung, Material in Stein, Erz,
Schallwellen u. s. w.), der Geist, der diesen Stoff beseelt; sie
ist die in die Dinge hineingehauchte Psyche. Geschichte aber
ist unter allen Umständen seelisches Geschehen und nichts
anderes.
Und sind diese Ausführungen, die sich allerdings gegen sehr
verbreitete Erscheinungen im Betrieb der Geschichtswissenschaften
richten, denn so neu? Wenn Goethe immer und immer wieder
als eine seiner wesentlichsten Erfahrungen betont, nur die Form
mache den Dichter, meint er da etwas anderes als das Gesagte?
Freilich giebt es scheinbare Ausnahmen von der Regel.
Eine der wichtigsten, die immer wieder zu Täuschungen Anlaß
giebt, ist in den besonderen Verhältnissen bei Beginn einer
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 6