Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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zu gestalten, ist deshalb notwendige Voraussetzung für die Ent— 
wicklung einer höheren Kunst. 
So ist der Fortschritt der Kunst bedingt durch die Art 
und Weise, die Form des menschlichen vollbewußten Sehens: 
ein formales Prinzip liegt den Entwicklungsperioden der Kunst 
zu Grunde, nicht ein Prinzip, das stofflich aus den Gegen— 
ständen der Kunst genommen werden könnte. 
Es ist das ein Moment, das auf das entschiedenste betont 
werden muß, sowohl für die Gegenwart, in der man wieder 
viel von einer Stoffkunst hört, wie auch für die jüngst ver— 
flossenen Jahrzehnte, während deren viele niemals zwischen 
Armeleutemalerei und Freiluftmalerei, zwischen stofflichem und 
formalem Naturalismus unterscheiden lernten. Was aber muß 
man gar von einer Geschichtschreibung und noch mehr von einer 
historischen, sei es der Litteratur oder der Dichtung oder 
anderen Gebieten angehörigen Forschung denken, die sich von 
stofflichen Prinzipien beherrschen läßt? Darstellung wie Unter— 
suchung werden auf historischem Gebiete von vornherein irre 
gehen, wenn sie nicht streng daran festhalten, daß für jedes 
geschichtliche Verständnis das Ausgehen von der Entwicklung 
der Form notwendig ist. 
Denn was ist die Form? Sie ist gegenüber dem Stoff, 
den die Erscheinungswelt in der einen oder anderen Weise 
stellt (Gegenstand der Darstellung, Material in Stein, Erz, 
Schallwellen u. s. w.), der Geist, der diesen Stoff beseelt; sie 
ist die in die Dinge hineingehauchte Psyche. Geschichte aber 
ist unter allen Umständen seelisches Geschehen und nichts 
anderes. 
Und sind diese Ausführungen, die sich allerdings gegen sehr 
verbreitete Erscheinungen im Betrieb der Geschichtswissenschaften 
richten, denn so neu? Wenn Goethe immer und immer wieder 
als eine seiner wesentlichsten Erfahrungen betont, nur die Form 
mache den Dichter, meint er da etwas anderes als das Gesagte? 
Freilich giebt es scheinbare Ausnahmen von der Regel. 
Eine der wichtigsten, die immer wieder zu Täuschungen Anlaß 
giebt, ist in den besonderen Verhältnissen bei Beginn einer 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 6
	        
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