Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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keit steigende Bedeutung des Bürgertums. Weit intensiver und 
weit rascher, als das aus eigenen Kräften allein hätte ge— 
schehen können, vollzog sich wenigstens für einen Teil der 
Nation der Übergang von der Naturalwirtschaft zur Geldwirt— 
schaft mit all seinen allgemeinen seelischen und geistigen Folgen: 
es war, wenigstens was die Beziehungen zum Mittelmeer an— 
geht, die erhöhte Fermentation von Kulturen, die, wie z. B. die 
japanische durch die chinesische, die griechische durch die klein— 
asiatische und ägyptische, die römische durch die griechische, von 
außen her durch Handels- und Verkehrszusammenhänge mit 
entwicklungsgeschichtlich höheren Zuständen in Berührung 
kommen und nunmehr geil emporschießen. So haben wir in 
unseren Städten des 15. Jahrhunderts gelegentlich schon Er— 
scheinungen fast der modernen Geldwirtschaft; halb modern 
oder wenigstens durchaus vom Mittelalter geschieden muten 
uns ihre fortgeschrittensten Persönlichkeiten an, und in Deutsch— 
land hat dann eben auf Grund der angedeuteten Entwicklungen 
die Reformation im tiefsten aller menschlichen Empfindungs⸗ 
kreise, im religiösen, den Trennungsstrich zwischen Mittelalter 
und Neuzeit gezogen. 
Aber blieb diese Kultur erhalten? Sie schwand teilweis 
wieder dahin mit den Voraussetzungen, auf denen sie beruhte: 
sie wurde, langsam natürlich, ein Opfer des Zeitalters der 
Entdeckungen. Als Deutschland durch die Verlegung der 
großen Handelsherde nach dem Westen Europas aus den un— 
mittelbarsten Zusammenhängen des Welthandels ausschied, da 
war, unter gleichzeitiger Wirkung gewisser innerer Ver—⸗ 
schiebungen zwischen der politischen Bedeutung der Städte und 
Territorien, sein Schicksal entschieden. Schon seit etwa 1530 
geht es nicht mehr recht vorwärts in materiellen wie auch 
geistigen Dingen, Verfallserscheinung häuft sich auf Verfalls— 
erscheinung, bis der entsetzliche Krieg der dreißig Jahre die 
Lage besiegelt. Die Fürstin unter den Nationen war zum 
Aschenbrödel geworden; Frankreich und England hatten Deutsch— 
land überholt. 
Das ist der Charakter der deutschen Kultur des 16. bis
	        
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