Bildende Kunst.
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in der Dichtung zu der Zeit, da diese aus Empfindsamkeit
und Sturm und Drang dazu überging, einen neuen Idealismus
zu entwickeln, diesem Idealismus einen antiken Anstrich — und
bestimmte, wie wir sehen werden, noch weit mehr das Schicksal
der bildenden Künste. Nur die Musik hielt sich von diesem
Ansturm frei — wie auch hätte die Antike ihr beikommen
sollen? —: und darum ist allein sie völlig klar, frühzeitig und
organisch entwickelt worden. Und auch die Philosophie wurde
von der Antike weniger betroffen: da wurde die ganze Wirk—
lichkeit der Zeit, die hinter jeder Bildung einer wahrhaften
Weltanschauung stehen muß, als ein genügendes Gegengewicht
gegen jede Renaissance erprobt.
Wir übersehen jetzt im allgemeinen die besonderen Um—
stände, die fördernden und die hemmenden Elemente, unter
deren Dasein sich die seit dem 16. Jahrhundert in ihrer
Weiterbildung so schwer geschädigte und darum gegenüber
fremden Einflüssen so wenig widerstandsfähige deutsche Kultur
und so auch die bildenden Künste und speziell die Malerei seit
etwa 1750 entwickelten: starke Einwirkung einer Renaissance,
die seit dem 15. Jahrhundert andauerte und nun eben wieder
in neuer Kraftentwicklung begriffen war; ständiger Einfluß der
weiter fortgeschrittenen bürgerlichen Kulturen der Westländer,
Englands und Frankreichs.
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2. Selbständige Versuche in der Richtung auf eine sub—⸗
jektivistische Malerei sind auf deutschem Boden seit 1750 immer
und immer wieder hervorgetreten. Aber sie haben im all—⸗
gemeinen nicht durchdringen können gegenüber einer Strömung
antikisierender Formen, die sich, einmal an der Oberfläche be—
findlich, mit modernen Neigungen bis weit hinaus noch über
die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts verband.
Die subjektivistische Richtung trat begreiflicherweise zuerst
im Bildnis auf und im eigentlichsten Bürgerstande: denn
das Bildnis muß, wenn es als echt und ähnlich wirken soll,
immer der jeweiligen eingeborenen Ausbildung des künstlerischen