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Bildende KUNunst.
Sehens folgen: es sei denn, daß dieses Sehen schon bis zur
gänzlichen Auflösung des Umrisses fortgeschritten sei und damit
die Möglichkeit, ein Bild aus der Nähe zu betrachten —
worauf das Bildnis der Regel nach angewiesen ist — allzusehr
beseitigt habe. Bürgerlich aber mußte dieser neue Impressio—
nismus sein gegenüber der noch fortdauernden fürstlichen und
Adelskunst, weil eben das Bürgertum der eigentliche Träger
der Kultur des neuen Zeitalters zu werden begann.
Die ersten Spuren des Neuen finden sich daher bei bürger—
lichen Malern und Porträtisten, so namentlich Graff (1736 -1818)
und Chodowiecki (1726— 1801), den beiden eng befreundeten
Meistern Dresdens und Berlins, — bei dem letzteren außer in
den Porträts auch in den zahlreichen Sitten-, Kostüm- und Zeit—
bildern, die seiner fleißigen Nadel verdankt werden. Charak—
teristischer von beiden ist Graff; während Chodowiecki das Neue
eigentlich zunächst nur stofflich ergriff und ihm zugleich seine
Kunst, die fast ganz die der Zeichnung und der Radierung war,
nur schwer gestattete, in der Wiedergabe des Lichtes über die
Errungenschaften namentlich der Niederländer des 17. Jahr—
hunderts hinauszugehen, hat Graff als Ölmaler gewaltige
Schritte nach vorwärts gethan. Er machte sich frei von der
eingehenden Behandlung der Nebendinge; nur den Kopf gab
er überzeugend wieder in einem konzentrierten Lichte bei meist
hell gewählter Palette; und im Kopfe wieder ging er ganz auf
den Eindruck des Geistigen, des Auges. Seine besten Porträts,
unter denen sich eine große Anzahl von Bildnissen unserer
Geisteshelden aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
befindet, so ein Lessing, Herder, Wieland, sind ersten Ranges
und vermögen sich, rein künstlerisch betrachtet, durchaus, aber
selbst entwicklungsgeschichtlich einigermaßen neben der englischen
Bildniskunst der gleichen Zeit zu halten.
Viel weiter vorwärts auf dem Wege der subjektivistischen
Malerei führte eine Strömung bürgerlicher Landschaftsmalerei,
die sich von Dänemark her, indes — wie denn Dänemark
damals noch eine Domäne deutschen Geisteslebens war — von
Norddeutschen entwickelt, weiter nach Norddeutschland hinein,