Bildende Kunst.
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daß nunmehr nur jener farbige Lichteindruck wiedergegeben wird,
den ein Abschnitt der Erscheinungswelt als Ganzes auf ein
empfängliches Auge macht. Es ist gleichsam das Netzhautbild
als Ganzes, das auf die Leinwand gebracht werden soll. Das
Körperliche des einzelnen Gegenstandes, für sich betrachtet,
schwindet dabei, während der dreidimensionale Eindruck des
vollen Sehgebietes zunimmt, da die zwischen den Gegenständen
lutende Luft in ihren verschiedenen farbigen Abstufungen nach
der Tiefe zu besser zum Ausdruck gebracht wird. Es ist gegen—
über dem physiologischen ein psychologischer Impressionismus;
die harte Außerlichkeit der Dinge wird dem inneren Gesichts—
eindruck als eine Totalität untergeordnet.
Manet hat anfangs ganz in den überlieferten Bahnen
der Kunst geschaffen. Erst seit etwa 1860 zeigt sich bei ihm
ein Umschwung; 1868 war er im Salon schon mit zwei Bildern
bertreten, der „Geißelung Christi“ und dem „ruhenden Mädchen
mit einer Katze“ (Olympia), die vom Herkömmlichen so sehr
abwichen, daß sie stets von einem dichten Kreise von Spöttern
umgeben waren; um 1870 entstanden dann die ersten Werke
eines im wesentlichen schon vollendeten psychologischen Impressio⸗
nismus, vor allem das „Ehepaar Nittis“ und das „Rennen von
Longchamps“. Und zugleich wurde Manet immer persönlicher.
Sehr begreiflich. Der Maler, der die Gesichtsbilder in seiner
Seele als malerisches Objekt betrachtet, steht diesem Objekt
nicht so fern als der Maler, der sich ausgesprochenermaßen
oder auch naiv an die körperhafte Außenwelt als Vorlage
hält. Können wir denn überhaupt anders als bildlich von den
Gesichtsbildern in unserer Seele sprechen? Gehen hier nicht
das perzipierte Bild und die perzipierende Seele, Objekt
und Subjekt von selbst durcheinander? Wird nicht das Be—
obachtete von vornherein in die eigene Phantasie, das Gesehene
in ein Geahntes, das Erschaute in ein vom Subjekt aus
Empfundenes umgesetzt? In diesem so überaus leicht ein—
tretenden Übergange liegt es begründet, wenn sich der psycho—
logische Impressionismus früh in eine Stimmungskunst, in
einen primitiven Idealismus der Stimmung umgestaltet. Schon