Bildende Kunst.
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diesen im Keime viel Ähnlichkeit. Das Ziel ist in beiden Fällen,
mit der eingehendsten Sorgfalt das einzelne malerische Element
der Erscheinungswelt zu erfassen und zur Darstellung zu bringen
in der Erwartung, daß bei stärkstem Wirklichkeitsstudium im
einzelnen sich auch stärkste Wirklichkeitswirkung im ganzen her—
ausstellen müsse. So ist denn Menzel, wie er mit einer litho—
graphierten Selbstbiographie begonnen hatte, bis in sein hohes
Alter ständiger Begleiter seines Tageslebens mit Stift und
Pinsel geblieben; immer und immer wieder hat er mit dem
kleinsten Gegenstand seiner Umgebung gerungen, um ihn male—
risch zu bewältigen, nicht anders, wie er bis zu jedem Stück
Litze der fridericianischen Uniformwelt archäologisch und malerisch
durchdrang.
Seit den sechziger Jahren wurde Menzel mit der so er—⸗
rungenen Kunst der Maler der großen politischen Gegenwart:
„Krönung in Königsberg“, „Abreise König Wilhelms zur Armee
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Scenen aus dem Pariser und Veroneser Volksleben, katholische
Prozessionen und protestantische Gottesdienste Brunnenpromenade
in Kissingen, Ballpausen der Berliner Gesellschaft, Scenen aus dem
Leben am preußischen Hofe, — vor allem aber der große Epiker der
modernen Arbeit: „Eisenwalzwerk“ vom Jahre 1876. In diesen
Bildern offenbart sich seine ganze Kunst. Das, was sie aus⸗
zeichnet, ist freilich nach wie vor der unglaublich sichere Blick
für das Einzelne. Daher — und auf diesem Gebiete reicht
Menzel bis tief in die Auffassung des psychologischen Im—
pressionismus hinein — vor allem keine Komposition: der Vor—
gang als Ganzes wird genau so erfaßt, wie er sich abspielt,
das Bild ist nichts als ein Ausschnitt aus dem Leben. Schon
das Königsberger Krönungsbild ist so gemalt und erregte eben
darum Anstoß bei Hofe. Darum weiter keine Spur künstlicher
Lichtführung mehr: frei flutet der Strahl, und frei werden die
Dinge von seinen tausend und abertausend Widerscheinen umspielt.
Da sollte man denn freilich auch statt der alten Farbenwelt
des Renaissancepinsels eine solche farbiger Lichteindrücke er—
warten. Aber hier ist nun das Gegenteil der Fall; denn hier wirkt