Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Uunst. 
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Sinne von Urnaturen, zumeist auch in hohem Grade unbeküm— 
mert um Beifall, und alle die Vorteile, welche die Entwicklung 
einer hohen Kultur auf kolonialem Boden auszuzeichnen pflegen, 
fallen ihnen zu; in dem Neuland ihrer Seele ist nicht viel 
wegzuräumen, und der kräftige Boden bietet der geringsten Ein— 
saat tausendfältig Frucht. 
Pettenkofen lernte zu guter Zeit Bilder von Troyon und 
Millet kennen und er zweifelte nicht, daß sie eine höhere Stufe 
der Entwicklung darstellten als die Malerei der Wiener Aka— 
demie. Und so folgte er ihnen. Was darum seine Kunst 
schon der fünfziger Jahre auszeichnet, das ist der Ton des 
absolut Gegenständlichen, die Ruhe der Beobachtung, das Breite 
und die Freiheit der farbigen Behandlung. Aber freilich verbindet 
sich damit ein stark persönliches Element. Pettenkofen ist in 
Galizien aufgewachsen; es steckt etwas Lenausches in ihm; in 
hohem Grade ist er schwermütig-stimmungsvoll. 
Ohne Stimmung hat dem physiologischen Impressionismus 
Leibl (1844-1900) gehuldigt. Leibl, von Geburt ein Rhein⸗ 
länder, war seinem Wesen nach ein Bayer und in München 
zu Hause. Nach München aber waren schon früh einige Ein— 
flüsse der Männer von Fontainebleau gedrungen. Leibl speziell 
lernte 1869, zur Zeit, da er sein erstes Bild in die Offentlich— 
keit brachte, auf der Münchener Ausstellung Millet, Corot und 
Courbet kennen, und alsbald schloß er sich Courbet an, mit 
dem er auch seiner Persönlichkeit nach vielfach harmonierte, 
und begann, wie Millet, Bauernmaler zu werden; in Aibling 
in Oberbayern nahm er seinen ständigen Aufenthalt. Leibl 
hat die erste, physiologische Entwicklungsstufe der neuen 
Kunst auf deutschem Boden zum chöchsten Ausdruck gebracht; 
restlos geht bei ihm die Wirklichkeit, noch als außer uns liegend 
geschaut, noch nicht in bloße nervöse Farbenempfindungen um— 
gesetzt, in die Leinwand auf: es ist wie die klarste Farben— 
photographie, es ist eine technische Vollendung sondergleichen. 
Leibl feierte seine ersten Triumphe fünfundzwanzigjährig, 
noch bevor er zu Courbet in erneute Lehre ging; man mag 
ihn darum wohl als spezifisch deutschen Künstler feiern, wenn
	        
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