Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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aber eine Lichtmalerei der diskreten, nirgends farbenfälligen 
und doch überall wunderbar lichtfreudigen Gesamtstimmung der 
holländischen Landschaft erreicht. Derjenige Meister aber, der 
diese Kunst in den siebziger Jahren zur höchsten Blüte ent— 
wickelte, war der Groninger Jude Israels (geb. 1824). Man 
hat ihn wohl den holländischen Millet genannt, und das mag 
nach einer stofflichen Analogie zutreffend sein: wie Millet seine 
Bauern und seine Landschaft von Barbizon liebte und dar— 
stellte, so schildert und liebt Israels sein Meer und seine 
Schiffer von Zandvoort. Im übrigen aber ist Israels doch 
entwicklungsgeschichtlich fortgeschrittener, wenn auch von dem 
gleichen aristokratischen Pathos wie Millet: seine Personen 
leben in Luft und Licht wie in einem Fluidum, das ihnen 
daseinsnotwendig ist, — und so steht er in der äußeren Form, 
im höchsten technischen Sinne zwischen Millet und Manet, 
ja malt eigentlich fast nach Manets nur auf Holland über— 
tragener und dadurch gemäßigter Anschauung. 
Es ist klar, was diese Entwicklung Hollands bei den nahen 
Beziehungen der holländischen und binnendeutschen Malerei für 
das innere Deutschland bedeutete. Und wie nun, wenn ein Maler 
kam, der in Paris die Technik der Franzosen erlernte, sie in Holland 
mit Israels' Art verschmolz und dann im inneren Deutschland 
selbst voll unerbittlicher Wahrhaftigkeit mit klarem eigenem Auge 
im neuen Sinne anwandte? Er mußte, da die Malerei mittlerweile 
auch im Binnenland für einen Fortschritt über die feinsten Licht— 
künstler der Alten hinaus reif war — da auch schon die Stufe eines 
klaren physiologischen Naturalismus an verschiedenen Stellen 
erreicht schien — mit der Wucht eines Revolutionärs wirken. 
Dieser Maler war Liebermann. Liebermann, 1849 in 
Berlin geboren, ging 1872 nach Paris und malte zunächst in 
der Art Courbets. Darauf war er 1878 während des Som— 
mers in Barbizon und fand an Millet einen ihn fesselnden 
Meister, wenn er ihm auch persönlich nicht nahetrat; nach 
dessen Tode trieb es ihn zu Israels, und dieser wurde nun, 
neben dem Klima Hollands, sein eigentlicher Lehrer. Später 
ist er nach Deutschland heimgekehrt, hat aber die in der Fremde
	        
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