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Bildende Kunst.
Städten deutscher Malkunst verbreitet, mit am frühesten in den
Gegenden der nordischen Meere, namentlich in Hamburg, wo
Olde und Dettmann wichtige Anhänger wurden, dann auch in
Mitteldeutschland, in Weimar und Dresden. Später sind, und
dann meist recht kräftig, auch Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig,
Wien in die Bewegung eingetreten.
Im ganzen wird sich sagen lassen, daß etwa um 18985,
nach mehr als einem Jahrzehnt von Kämpfen, die um 1887
stärker wurden und im ersten Jahrfünft der neunziger Jahre
besonders tobten, der Sieg des Neuen in Deutschland ent—
schieden war. Jetzt verstummte die feindliche ältere Ästhetik;
ein kräftiges Mäcenat, wie es den Deutschen jüngst er—
worbener Reichtum zu gestatten begann, kam der neuen
Kunst zu gute, und hier und da schwenkte sogar schon die
amtliche Kunstpflege zu ihr ab oder erwies ihr wenigstens
wohlwollende Duldung.
3. Die Leser des vorigen und des vorvorigen Abschnittes
werden vielleicht schon vielfach gefragt haben, worin denn nun
im Grunde und im einzelnen die neue Kunst bestehe? Was es
denn eigentlich auf sich habe mit dem impressionistischen Natu—
ralismus, und wie denn seine beiden Stufen, die physio—
logische und die psychologische, genau zu scheiden seien? Und
ist nicht auch schon über diese Fragen hinaus das sie be—
herrschende Problem aufgetaucht, welche seelischen Grundlagen
denn für diese Kunst Voraussetzung seien?
Es ist jetzt Zeit, daß diese Fragen beantwortet werden.
Die ältere Kunst war im Grunde noch immer eine zeich—
nerische Kunst. So sehr auch bei ihr gelegentlich der klare
Linienumriß, das aufdringlichste Element der Zeichnung ver—
deckt sein mochte, immer lag er doch thatsächlich vor. Und
immer kam er durchschlagend in der allgemeinen Komposition
des Bildes zum Ausdruck. Denn diese Komposition war nicht
selten geradezu im Sinne eines Reliefs bildnerisch gemeint und
architektonisch. Gewisse Liniengruppen bildeten gewisse Har—