Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
Wende der achtziger Jahre zu den neunziger Jahren eingesetzt; 
er ist also noch ganz im Werden. Man wird ihn deshalb 
noch nicht abschließend beurteilen oder darstellen können — 
weshalb er auch hier nur gestreift werden soll —; wohl aber 
kann man seine allgemeinen entwicklungsgeschichtlichen Voraus— 
setzungen klar legen, und man wird immerhin qgut daran thun, 
dies zu wagen. 
Die Idealisten der fünfziger bis neunziger Jahre hatte 
ein außerordentliches Gedächtnis für das Anschauliche, ein 
Weiterschauen über die Einzelerscheinung des Alltags hinein 
in den Typ, und die Fähigkeit dichterischer Stimmungswieder— 
gabe trotz aller — oder vielmehr innerhalb aller Stilisierung 
ausgezeichnet. So waren sie zu schlichter Vollendung vor— 
gedrungen: das eigentlich Geistreiche fehlt — auch bei Klinger 
wenigstens in den Gemälden —; etwas Strenges und Reines 
nimmt in ihren Bildern ein; eine stille Feierlichkeit umfängt 
uns. Dabei hat dieser Ernst nichts Trübes; ruhige Heiterkeit 
vielmehr spricht aus den Werken. Es ist die Heiterkeit einer 
von Willkür freien Gesetzmäßigkeit, des Gleichmaßes, der 
Selbstverständlichkeit des Dargestellten. Denn diese Bilder 
wollen nichts erzählen: sie sind ein Angeschautes an sich, sie 
geben neben der Form keinen äußeren Inhalt, sondern nur 
Stimmung: sie gehen auf in dem Gehalt der Anschauung und 
Empfindung. Und darum kennen ihre Meister keine Unter— 
schiede äußerlich-stofflicher Bewältigung mehr: sie malen weder 
Tierstücke, noch Stillleben, noch Historien, noch Sittenbilder, 
noch Landschaften, sondern Bilder beliebigen Inhalts, aber 
mit einem ganz sicheren Stimmungsgehalt. 
Was war nun nach alledem, in zwei Worten gesagt, das 
Wesentliche dieser Kunst? 
Bei jedem Idealismus wird man zwischen Form- und 
Gehaltsidealismus unterscheiden müssen. Der Formidealismus 
beruht immer auf der bewußten Typisierung jener Erscheinungen 
der Natur, welche der naturalistischen Anschauung jeweils zu— 
gänglich geworden sind, und auf der Ausgestaltung wieder dieses 
typisch Angeschauten zum Individuellen, zum singulär Ange—
	        
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