Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
208 
das Wallotsche Reichstagshaus ein Eisenbau, aber in der 
Steinmaske eines abgewandelten Barocks. 
Eine voll befriedigende Lösung wird sich hier wohl erst dann 
einstellen, wenn sich die neue Ornamentik und der Gerüststil 
des Kunstgewerbes der Architektur noch mehr als bisher be— 
mächtigen: denn den Anforderungen dieser Kunst gegenüber ist 
der Stein ebenso, wenn nicht gar noch mehr traditionslos als 
das Eisen, und so mag eher als bisher ein gerechter Aus— 
zleich versucht werden. 
Und hierhin scheinen die Zeichen jetzt zu deuten. Wer 
etwa Bauten der frühesten Gotik in Frankreich und auch in 
Deutschland, die Elisabethkirche in Marburg z. B., betrachtet 
und die spätere Entwicklung der Gotik kennt, dem kommen 
diese Bauten wohl herb und jungfräulich unbeholfen vor: und 
er sieht durch die cyklopischen Anlagen ihrer schmucklosen 
Strebepfeiler, durch die klotzartigen Bekrönungen der Punkte, 
wo einem Gewölbeschub durch aufgesetztes Steingewicht ent⸗ 
zegengewirkt werden soll, hindurch wohl schon die schlankeren 
Abstufungen der Zukunft mit ihrem Maßwerk und ihrem 
Statuenschmuck und die Fialenbekrönungen eines spätern Jahr— 
—VV 
im sogenannten neuen Stil, in denen tastend, aber noch schwer⸗ 
fällig und herb ein Neues ergriffen zu sein scheint, das so— 
zusagen noch nicht lebt oder nur lebt wie das Küchlein im Ei, 
das hinausdrängt in Licht und Luft, aber noch nicht für sie 
entbunden ist. Möchten die schöpferischen Kräfte schon unter 
uns weilen, die es befreien, und die erzeugen, was der bilden— 
den Kunst der Gegenwart noch fehlt: einen tektonischen Stil 
und eine große Architektur der Zukunft.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.