Bildende Kunst.
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das Wallotsche Reichstagshaus ein Eisenbau, aber in der
Steinmaske eines abgewandelten Barocks.
Eine voll befriedigende Lösung wird sich hier wohl erst dann
einstellen, wenn sich die neue Ornamentik und der Gerüststil
des Kunstgewerbes der Architektur noch mehr als bisher be—
mächtigen: denn den Anforderungen dieser Kunst gegenüber ist
der Stein ebenso, wenn nicht gar noch mehr traditionslos als
das Eisen, und so mag eher als bisher ein gerechter Aus—
zleich versucht werden.
Und hierhin scheinen die Zeichen jetzt zu deuten. Wer
etwa Bauten der frühesten Gotik in Frankreich und auch in
Deutschland, die Elisabethkirche in Marburg z. B., betrachtet
und die spätere Entwicklung der Gotik kennt, dem kommen
diese Bauten wohl herb und jungfräulich unbeholfen vor: und
er sieht durch die cyklopischen Anlagen ihrer schmucklosen
Strebepfeiler, durch die klotzartigen Bekrönungen der Punkte,
wo einem Gewölbeschub durch aufgesetztes Steingewicht ent⸗
zegengewirkt werden soll, hindurch wohl schon die schlankeren
Abstufungen der Zukunft mit ihrem Maßwerk und ihrem
Statuenschmuck und die Fialenbekrönungen eines spätern Jahr—
—VV
im sogenannten neuen Stil, in denen tastend, aber noch schwer⸗
fällig und herb ein Neues ergriffen zu sein scheint, das so—
zusagen noch nicht lebt oder nur lebt wie das Küchlein im Ei,
das hinausdrängt in Licht und Luft, aber noch nicht für sie
entbunden ist. Möchten die schöpferischen Kräfte schon unter
uns weilen, die es befreien, und die erzeugen, was der bilden—
den Kunst der Gegenwart noch fehlt: einen tektonischen Stil
und eine große Architektur der Zukunft.