Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
beiden früheren Gedichte schon auf einer für ihre Zeit sehr 
hohen Stufe stehen. 
Was aber am augenscheinlichsten ist, das ist die Steigerung 
der Intensität der Beobachtung für die äußeren Erscheinungen — 
die Zunahme des physiologischen Wirklichkeitssinnes. Während 
die Beobachtung bei Paul Gerhardt noch so allgemeine Gegen— 
stände aufsucht wie Wälder, Vieh, Menschen, Stadt, Felder, 
die ganze Welt und am Himmel Sonne und Sterne — eine 
Beobachtung, die man vom malerischen Standpunkte aus fast 
noch versucht wäre, typisch oder gar ornamental zu nennen —, 
und während auch Claudius neben dem Abendschweigen des 
Waldes und der nächtlichen Nebelbildung noch mit den Stern— 
lein und dem Monde am Himmel zu thun hat, setzt Bierbaum 
mit Schilderung der feinsten Züge ein, die den kommenden 
Abend charakterisieren, Züge, die man im Gedichte selbst noch 
einmal nachlesen möge: ist eine Beobachtung von diesem 
Eingehen auf die Intimitäten der Erscheinunaswelt etwas 
schlechthin Neues. 
Nun ist, wie schon angedeutet, mit der Vergleichung 
dieser drei Gedichte, die in einem ungefähren Abstand von etwas 
mehr als je einem Jahrhundert zu einander stehen, an sich 
gewiß noch nichts Endgültiges und Allgemeines über die Ge— 
schichte des dichterischen Wirklichkeitssinnes ausgesagt. Allein 
es läßt sich getrost behaupten, daß jede genauere Betrachtung 
der deutschen Litteratur der letzten drei Jahrhunderte da, wo 
eine Vergleichung möglich erscheint, im allgemeinen immer 
wieder zu dem hier vorliegenden Ergebnis führen wird. Die 
Vergleichung, die an dem Schaffen dreier Dichter von guter 
mittlerer Begabung und Bedeutung durchgeführt worden ist, 
hat thatsächlich typische Werte und typische Abstände ergeben: 
auf dem Gebiete physiologischer wie psychologischer Beobachtung 
ist die moderne Dichtung den früheren Entwicklunasstufen der 
nationalen Dichtung überlegen. 
Daß sie aber in der bei Bierbaum auftretenden Intensität 
und darüber hinaus thatsächlich etwas Neues und zwar ein 
Erzeugnis jüngster Zeit ist, das ist auch sonst das Urteil der
	        
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