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Dichtung.
beiden früheren Gedichte schon auf einer für ihre Zeit sehr
hohen Stufe stehen.
Was aber am augenscheinlichsten ist, das ist die Steigerung
der Intensität der Beobachtung für die äußeren Erscheinungen —
die Zunahme des physiologischen Wirklichkeitssinnes. Während
die Beobachtung bei Paul Gerhardt noch so allgemeine Gegen—
stände aufsucht wie Wälder, Vieh, Menschen, Stadt, Felder,
die ganze Welt und am Himmel Sonne und Sterne — eine
Beobachtung, die man vom malerischen Standpunkte aus fast
noch versucht wäre, typisch oder gar ornamental zu nennen —,
und während auch Claudius neben dem Abendschweigen des
Waldes und der nächtlichen Nebelbildung noch mit den Stern—
lein und dem Monde am Himmel zu thun hat, setzt Bierbaum
mit Schilderung der feinsten Züge ein, die den kommenden
Abend charakterisieren, Züge, die man im Gedichte selbst noch
einmal nachlesen möge: ist eine Beobachtung von diesem
Eingehen auf die Intimitäten der Erscheinunaswelt etwas
schlechthin Neues.
Nun ist, wie schon angedeutet, mit der Vergleichung
dieser drei Gedichte, die in einem ungefähren Abstand von etwas
mehr als je einem Jahrhundert zu einander stehen, an sich
gewiß noch nichts Endgültiges und Allgemeines über die Ge—
schichte des dichterischen Wirklichkeitssinnes ausgesagt. Allein
es läßt sich getrost behaupten, daß jede genauere Betrachtung
der deutschen Litteratur der letzten drei Jahrhunderte da, wo
eine Vergleichung möglich erscheint, im allgemeinen immer
wieder zu dem hier vorliegenden Ergebnis führen wird. Die
Vergleichung, die an dem Schaffen dreier Dichter von guter
mittlerer Begabung und Bedeutung durchgeführt worden ist,
hat thatsächlich typische Werte und typische Abstände ergeben:
auf dem Gebiete physiologischer wie psychologischer Beobachtung
ist die moderne Dichtung den früheren Entwicklunasstufen der
nationalen Dichtung überlegen.
Daß sie aber in der bei Bierbaum auftretenden Intensität
und darüber hinaus thatsächlich etwas Neues und zwar ein
Erzeugnis jüngster Zeit ist, das ist auch sonst das Urteil der