Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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Liliencron ist eine durch und durch ursprüngliche Natur 
und darum auch fern jeder engeren Abhängigkeit seiner Dichtung 
von früheren und fremden litterarischen Strömungen. Ein 
Junker vom Lande, der sich mit Stolz des Normannenblutes 
in seinen Adern entsinnt, ist er auch als Dichter ein selbst⸗ 
gemachter Mann, der nur ganz im allgemeinen auf der Grund⸗ 
lage der von seinen Ahnen her ererbten Geisteshaltung steht. 
Jagd, Krieg und Liebe, das sind seine Ideale. Und seine Liebe 
ist von unbändiger Sinnlichkeit, wie der Tanz ihm nur eine 
andere Form der Jagd ist. Und die Jagd wieder fesselt ihn nur 
als ein Scheinspiel des Krieges. Der Krieg aber, das ist sein 
Lebenselement, nicht eine harte Notwendigkeit sondern quellendes 
eigentlichstes Dasein, und Schlachtendunst wird ihm zu er⸗ 
frischender Lebensluft: der Luft jenes Lebens, dem er ent— 
gegenjauchzt: „Leben hurra!“ So fehlt ihm in seiner Höhe— 
zeit jede, aber auch jede Spur von Empfindsamkeit und 
Entsagung; muß er verzichten, so geschieht es in Selbst⸗ 
zerfleischung, und er wird schrecklich im Gefühl zornigen Duldens. 
Dies alles, diese Richtung auf leidenschaftlichste Stimmungen, 
auf unschattierte Gemeingefühle gleich den Ingredienzien einer 
fernen Urzeit, verbindet sich dann mit einem massiven, fast 
mythischen Gottesglauben, mit einem triebmäßigen, von den 
Altvätern her vererbten Christentum, über dessen festen Formen, 
ein Anachronismus der Gegenwart, nur selten das pantheistische 
Gefühl des modernen Dichters aufblitzt. 
Was muß eine solche Natur als Dichter sein? Liliencron 
ist zunächst, wie er das Wort einmal von einem verehrten 
Kriegskameraden gebraucht, „von der nackten Wirklichkeit des 
Seins tief durchdrungen“. Er beschreibt grundsätzlich nichts, 
was er nicht gesehen hat; sündigt er gegen diesen Grundsatz, 
so wird er blutleer; das Sein ist ihm heilig. Und so ist er 
auch in der Form fromm und wahrhaftig. Er ruht nicht, bis 
nicht der Ausdruck das feinste, durchscheinendste Kleid seiner 
Gefühle und Anschauungen geworden ist; und die dem Offizier 
doppelt anerzogene Treue im kleinen begnügt sich im Dienste 
der Sprache nur mit dem Vollendetsten und Höchsten. Und dieser
	        
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