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Dichtung.
nur die der Kunsterzählung annimmt, wie in den unglaublich
lebensvollen Kriegsnovellen des Dichters.
Im übrigen war dieser rasche, harte, stahlnervige Impressio—
nismus, der Zug bei Zug setzt und dem Hörer überläßt, aus den
momentanen Schlägen atemlos das Ganze zu bilden, doch keines—
wegs innerlich an Krieg und Heergeschrei gebunden. Leicht
ging er in Dichtungsarten ein, die, zwischen Lyrischem und
Episch-Dramatischem schwankend, im eilenden Fortgang einer
Handlung die Vereinigung der einzelnen Eindrücke hurtig
herbeiführen. Von den Gattungen, die sich hier darbieten, hat
Liliencron vornehmlich zwei gepflegt, die Tagebuchdichtung und
die Ballade. Und in der Ballade vor allem erfreut er durch
knappste Erzählung; es ist wie eine prall sitzende Husaren⸗
uniform: und die enge Schnürung der Sprache wird nicht
selten zu komischen Wirkungen ausgenutzt. Daneben treten dann
gewaltige Stücke auf namentlich von leidenschaftlichem Sinn
für Selbständigkeit, von einer Art Urpathos der Freiheit, als
Krone der Sang von dem unbändigen Freiheitsdrang der
Sylter Friesen mit dem Kehrreim! Lewwer duad üs Slaav!
Aber allmählich erweitert der Dichter seinen Stoffkreis;
die impressionistische Schilderung wird auf einfache Vorgänge
des Alltäglichen ausgedehnt: ruhige Scenen aus dem Klein—
leben, gern mit Naturschilderungen verknüpft, tauchen auf,
daneben Scenen aus der sogenannten Gesellschaft und aus dem
High life — diese nicht selten mit grimmigem Humor:
Es singt ein Lied von Felix Mendelmaier
Der lange Lieutenant mit dem Ordensbändel.
Das alte Fräulein brütet Rätseleier,
Besorgt den Thee und duftet nach Lavendel.
„O Isis“ brummt der Rat, der liebe Schreier.
Weh mir, wie langsam schwingt der Abendpendel!
Zu Ende. Gott sei Dank. Ich atme freier
Und bade mich daheim in Bach und Händel.
Besonders eigenartig sind die Naturschilderungen, die zahl—
reicher erst gegen Schluß der ersten Periode einsetzen. Sie be—
1 Pidder Lüng, Werke 9, 18ff.