Dichtung.
221
2. Aber was bisher gesagt ist, charakterisiert den Dichter
nur während seiner ersten Periode, während der Zeit des reinen
physiologischen Impressionismus. Mit den neunziger Jahren
geht er langsam in eine andere Art über; die bisher ganz
naturalistische Weise seines Impressionismus verschwindet, und
nach und nach tauchen idealistische Farben auf, verschmilzt
zugleich die neue Form der ersten Periode unvermerkt mit
syrischen Formen älterer Überlieferung. Liliencron hat in
seinem Epos „Poggfred“ (18095) selbst diese neue Periode launig
und der Veränderung vollauf bewußt begrüßt:
Was thu ich nun hinein in die Behälter?
Frinnrung? Traum? Erlebnis? Phantasie?
Ich habe Angst, mein Blut wird täglich kälter,
Zum Teufel geht allmählich der Esprit.
Zusammen schab ich drum, eh immer älter,
Die schäbigen Reste meiner Poesie.
Denn vor mir, greuliche Pagode,
Hockt steif des Dichters „zweite Periode“.
In der That: der Dichter wird ruhiger, die scharfe Ab—
grenzung der Eindrücke verliert sich das Moment der Stimmung
nimmt überhand:
Langsam graut der Abend nieder,
Milder wird die harte Welt,
Und das Herz macht seinen Frieden,
Und zum Kinde wird der Held.
Das sind in diesen vier Zeilen gewiß noch vier gut um—
rissene Eindrücke, aber das Ganze ist schon unendlich stimmungs—
voll. Gedichte dieser Art werden häufiger, häufiger auch Ein—
drücke, denen, oft durch ein einziges Wort, eine starke Stim—
mungsnote gegeben wird:
Hart am Ufer steht mein Fuß,
Drüben, horizontdurchlassend,
Friert am Strand ein schmales Wäldchen.
Dder:
Und immer stiller wirds im Hain,
Es schlief die ganze Erde ein,
Der Wind nur durch die Hecken
Spielt Haschen und Verstecken.