Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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2. Aber was bisher gesagt ist, charakterisiert den Dichter 
nur während seiner ersten Periode, während der Zeit des reinen 
physiologischen Impressionismus. Mit den neunziger Jahren 
geht er langsam in eine andere Art über; die bisher ganz 
naturalistische Weise seines Impressionismus verschwindet, und 
nach und nach tauchen idealistische Farben auf, verschmilzt 
zugleich die neue Form der ersten Periode unvermerkt mit 
syrischen Formen älterer Überlieferung. Liliencron hat in 
seinem Epos „Poggfred“ (18095) selbst diese neue Periode launig 
und der Veränderung vollauf bewußt begrüßt: 
Was thu ich nun hinein in die Behälter? 
Frinnrung? Traum? Erlebnis? Phantasie? 
Ich habe Angst, mein Blut wird täglich kälter, 
Zum Teufel geht allmählich der Esprit. 
Zusammen schab ich drum, eh immer älter, 
Die schäbigen Reste meiner Poesie. 
Denn vor mir, greuliche Pagode, 
Hockt steif des Dichters „zweite Periode“. 
In der That: der Dichter wird ruhiger, die scharfe Ab— 
grenzung der Eindrücke verliert sich das Moment der Stimmung 
nimmt überhand: 
Langsam graut der Abend nieder, 
Milder wird die harte Welt, 
Und das Herz macht seinen Frieden, 
Und zum Kinde wird der Held. 
Das sind in diesen vier Zeilen gewiß noch vier gut um— 
rissene Eindrücke, aber das Ganze ist schon unendlich stimmungs— 
voll. Gedichte dieser Art werden häufiger, häufiger auch Ein— 
drücke, denen, oft durch ein einziges Wort, eine starke Stim— 
mungsnote gegeben wird: 
Hart am Ufer steht mein Fuß, 
Drüben, horizontdurchlassend, 
Friert am Strand ein schmales Wäldchen. 
Dder: 
Und immer stiller wirds im Hain, 
Es schlief die ganze Erde ein, 
Der Wind nur durch die Hecken 
Spielt Haschen und Verstecken.
	        
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