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Dichtung.
Dieser Stimmungsgehalt wird dann gelegentlich so stark,
daß er nervöse Schwebungen und Spannungsgefühle hervor—⸗
ruft, die der Hörer durch thätige Teilnahme der eigenen Ein—
bildungskraft auslösen muß. Das ist dann schon der Übergang
zu einer Dichtung, die ihrem Hauptmoment nach Stimmungs-
dichtung ist, also, da sie die Persönlichkeit des Dichters ganz
in den Vordergrund schiebt, idealistische Dichtung, wenn auch
noch einer niederen, subjektiven Gattung. Man höre und
genieße:
Die große gelbe Rose ruhte schwer
Auf schwarzem Marmorsarg in Marmorhallen.
Wess' Hand sie brach, und wer sie trug anher,
Auch wer die Leiche war, ist mir entfallen.
Es schlief der Sarg, von Blatt und Blumen leer,
Im Dämmer, eine Sphinx, auf Löwenkrallen.
Der Abendwolken lichtgeflocktes Heer
Entstieg dem Meere, rot wie Blutkorallen.
— — — Liliencron hat in seinen späteren Dichtungen
Stücke dieser Art von großer Schönheit. Es ist ein idealistischer
Impressionismus physiologischen Charakters; nicht selten bilden
seine Schöpfungen unmittelbare Gegenbilder zu den ent—
sprechenden Erzeugnissen der impressionistischen Malerei: —
Vor mir dehnt sich ein großes Meer
Ohne Wellensturz, heilig und leer.
Der Küstensand, auf dem ich geruht
War von Gold und rot wie Blut,
überschimmert von bläulichem Licht
Zweier eirunder Sonnen, die dicht an dicht
Aber der See am Himmelsrande
Sich zeigten mit purpurnem Wolkenbande,
Das leicht sie überfällt und ungezwungen,
Als wärs um zwei Rokokospiegel geschlungen.
Ich konnte, ohn mit den Augen zu blinken,
In ihren milden Flammen ertrinken.
Dünn, wie meines Spazierstocks Lauf,
Schossen nah hinter mir Bäumchen auf,
Sechs an der Zahl, gut ausgerichtet,
Nur in den Gipfeln blattverdichtet ....
Ich stand auf den Inseln der ewigen Ruh.