Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Dieser Stimmungsgehalt wird dann gelegentlich so stark, 
daß er nervöse Schwebungen und Spannungsgefühle hervor—⸗ 
ruft, die der Hörer durch thätige Teilnahme der eigenen Ein— 
bildungskraft auslösen muß. Das ist dann schon der Übergang 
zu einer Dichtung, die ihrem Hauptmoment nach Stimmungs- 
dichtung ist, also, da sie die Persönlichkeit des Dichters ganz 
in den Vordergrund schiebt, idealistische Dichtung, wenn auch 
noch einer niederen, subjektiven Gattung. Man höre und 
genieße: 
Die große gelbe Rose ruhte schwer 
Auf schwarzem Marmorsarg in Marmorhallen. 
Wess' Hand sie brach, und wer sie trug anher, 
Auch wer die Leiche war, ist mir entfallen. 
Es schlief der Sarg, von Blatt und Blumen leer, 
Im Dämmer, eine Sphinx, auf Löwenkrallen. 
Der Abendwolken lichtgeflocktes Heer 
Entstieg dem Meere, rot wie Blutkorallen. 
— — — Liliencron hat in seinen späteren Dichtungen 
Stücke dieser Art von großer Schönheit. Es ist ein idealistischer 
Impressionismus physiologischen Charakters; nicht selten bilden 
seine Schöpfungen unmittelbare Gegenbilder zu den ent— 
sprechenden Erzeugnissen der impressionistischen Malerei: — 
Vor mir dehnt sich ein großes Meer 
Ohne Wellensturz, heilig und leer. 
Der Küstensand, auf dem ich geruht 
War von Gold und rot wie Blut, 
überschimmert von bläulichem Licht 
Zweier eirunder Sonnen, die dicht an dicht 
Aber der See am Himmelsrande 
Sich zeigten mit purpurnem Wolkenbande, 
Das leicht sie überfällt und ungezwungen, 
Als wärs um zwei Rokokospiegel geschlungen. 
Ich konnte, ohn mit den Augen zu blinken, 
In ihren milden Flammen ertrinken. 
Dünn, wie meines Spazierstocks Lauf, 
Schossen nah hinter mir Bäumchen auf, 
Sechs an der Zahl, gut ausgerichtet, 
Nur in den Gipfeln blattverdichtet .... 
Ich stand auf den Inseln der ewigen Ruh.
	        
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