Dichtung.
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Und wie mich ihr sanftes Leuchten beglückte,
Und wie mich ihr herrlicher Glanz entzückte,
Spannt ich die Arme dem Schöpfer aus:
Ich wohnte in seinem Vaterhaus.
Man sieht: hier ist auch schon der Symbolismus eingekehrt;
die Summe des äußerlich Angeschauten ist nur ein Widerschein,
erhält Leben nur von Stimmungen, die unter ihm fluten und
in ihm als durch einen Spiegel gesehen emportauchen.
Streckt sich der Dichter hier bis an die Grenzen der
modernen Symbolisten, deren Wesen wir bald kennen lernen
werden, so verschmilzt er andererseits in der Stimmung auch
Alt und Neu in manchmal überraschend sicherer Harmonie:
Und eine Ruhe kommt gezogen,
Mein Herz schlägt seinen alten Schlag,
Die Unglücksvögel sind verflogen,
Mir ahnt ein neuer Thatentag.
Da bück ich mich und pflück im Schreiten
Aus Feld und Knick mir einen Strauß
Und trag ihn, voll von Seligkeiten,
Der Liebsten heißen Danks nach Haus.
Wie sind doch hier die Gefühle unmittelbar geschildert,
wie ist die Form die der geschliffenen Kunst der fünfziger
Jahre, wie hält man mit dem Dichter unter alten Dächern
Einkehr! Es ist eine Richtung, in der Liliencron in den
letzten Jahren weit gegangen ist, ja zu weit, bis zu un—
zweifelhaften Langweilern. Aber doch hört man in den meisten
der Stücke, die hierher gehören, inhaltlich auch das Neue heraus,
wie sich auch in der Form Alt und Neu begrüßen: und sollte
nicht eben der schöpferischen Vermählung von Alt und Neu
der Euphorion einer Zukunftsdichtung entsteigen können? —
Indes die Entwicklung der modernen Dichtung machte bei der
Ausgestaltung des physiologischen Impressionismus nicht Halt
und noch weniger bei dessen idealistischer Umwandlung oder
Vermischung mit großen Traditionen: unersättlich strebte der
Wirklichkeitssinn vorwärts in das Seelische hinein und drängte