Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

226 
Dichtung. 
fischen Sinneseindrücken in die Dichtung eingeführt werden: 
die tönenden Farben, die farbigen Vokale, die gehörten oder 
gesehenen Tastgefühle: Erscheinungen, die in der Dichtung be— 
wußt allerdings schon von E. T. A. Hoffmann verwertet worden 
sind. Dahin gehört auch die Schilderung der Vermischung 
höherer und höchster Sinneseindrücke, das Aufheben der 
festesten und anschaulichsten Grenzen unserer Empfindung, des 
Raumes etwa und der Zeit. Es sind Dinge, die man sonst 
doch wohl nur dem Jenseits zugeschrieben hat: 
Et toi, divine Mort oùu tout rentre et s'éfface, 
Accueille tes enfants dans ton seéin étoilé, 
Affranchis nous du temps, du nombre ét de l'espace 
Et rends nous le repos que la vie a troublé. 
FILeconte de Lisle,.) 
Die neue Dichtung aber verwendet diese Sensationen 
wenigstens schon für die irdische Ekstase. So Stephan George 
in seinem Gedicht „Weihe“, das in den allgemeinsten Zügen 
denselben Vorgang schildert wie Goethes „Zueignung“. Der 
Dichter ruft sich zu, die Muse der Dichtung am Gestade eines 
Stromes zu erwarten: 
Im Rasen rastend sollst du dich betäuben 
An starkem Urduft, ohne Denkerstörung, 
So daß die fremden Hauche all zerstäuben, 
Das Auge schauend harre der Erbhbörung: 
Siehst du im Takt des Strauches Laub 
Und auf der glatten Fluten Dunkelglanz 
Die dünne Nebelmauer sich zersplittern? 
Hörst du das Elfenlied zum Elfentanz? 
schon zittern 
Schon scheinen durch der Zweige Zackenrahmen 
Mit Sternenstädten selige Gefilde, 
Der Zeiten Flug verliert die alten Namen, 
Und Raum und Dasein bleiben nur im Bilde. 
Die Übergangssensationen zwischen spezifischen Sinnes— 
eindrücken aber werden als etwas ganz Gewöhnliches von der 
Schule eingehend zur Darstellung gebracht. So von Hofmanns— 
thal im „Tod des Tizian“:
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.