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Dichtung.
gerade auf ihnen wirkt er am deutlichsten mit der Kraft
eines wahren Dichters; daneben macht sich ein spezifisch physio⸗
logischer Zug geltend, der mit Entschiedenheit auf das charak—
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der Beanlagung nach im Kreise der „Dichtercharaktere“ wohl
nur einer, der unglückselige Hermann Conradi (1862 -1890):
frühreif, eine bedauernswerte Mischung von hochsteigendem
Idealismus und niederziehender Sinnlichkeit, ist er der Günther
der neuen litterarischen Revolution geworden. Das, was ihn
den Neuen vor allem anreiht, ist seine absolute Wahrhaftigkeit
in der Wiedergabe des dichterischen Erlebnisses; besonders in
den „Liedern eines Sünders“ (1887) tritt dieser Zug neben
allem Faulen des Inhalts sympathisch und alles andere be—
herrschend hervor. Und dieser Zug macht ihn denn auch zu
einem Vertreter nicht bloß mehr des physiologischen Impressio⸗
nismus; sein ltief quellender Wirklichkeitssinn dringt vielmehr
schon bis in die Lebenskammern der neuen Psychologie vor:
und er weiß, was er hier erschaut, in freien Rhythmen wieder⸗
zugeben, die sich dicht und fein wie Schleier der Empfindung
anschmiegen. So ist in ihm schon sehr Vieles vom Kern der
neueren Lyrik vorgebildet, zumal er auch schon die intensive
moderne Anschauung mit der großen, leidenschaftlichen Form
verbindet. Und er ahnt in seiner zwiespältigen Natur sehr wohl,
wie sehr er ein unglücklicher Vorbildner, ein Unglücksherold sei:
Ich weiß — ich weiß: nur wie ein Meteor,
Das flammend kam, sich jäh in Nacht verlor,
Werd' ich durch unsre Dichtung streifen!
Die Laute rauscht. Es jauchzt wie Sturmgesang
Wie Südwind kost — es gellt wie Trommelklang
Mein Lied und wird in alle Herzen areifen....
Dann bebt's jäh aus in schriller Dissonanz ...
Die Blüten sind verdorrt, versprüht der Glanz
Es streicht der Abendwind durch die Cypressen.
Nur wen'ge weinen ... Sie verstummen bald.
Was ich geträumt: sie geben ihm Gestalt —
Ich aber werde bald pergessen. ..