Es besteht für den Kundigen kein Zweifel mehr darüber,
daß wir seit dem Kriege von 1870 -71 nicht bloß in ein neues
politisches Leben, sondern auch in die Zeit einer neuen Kultur
eingetreten sind. Anzeichen, die einen vollen Ubergang zum
Neuen ankünden, häuften sich deutlich seit den achtziger Jahren;
Spuren des Neuen führen bis in die vierziger Jahre des 19. Jahr⸗
hunderts zurück.
Von diesem Neuen soll im folgenden die Rede sein.
Dabei wird sich denn immer und immer wieder ergeben,
daß das neue seelische Leben zunächst und vor allem in Fort—
schritten der Kunst, der Tonkunst, der bildenden Kunst, der
Dichtung zum Ausdruck gelangt. Auch diesmal, wie wohl immer
oder wie wenigstens der Regel nach, wurde eine neue Stufe
tiefster und das heißt seelischer Entwicklung mit einer Wand—
lung des ästhetischen Menschen begonnen: so wahr ist es, daß
Phantasie und daß Begeisterung die lebendigsten aller civilisato—
rischen Triebe sind!. Im Künstlertum, im Kampfe gegen Natur—
wissenschaft und gelehrten Historismus siegte die neue Kultur.
Ich bemerke sogleich an dieser Stelle, daß sich die psychologische
Terminologie meiner Darstellung keinem der verbreiteteren psychologischen
Systeme anschließt. Eine Psychologie, die für die Geschichtswissenschaften
etwa eine ähnliche Rolle wie die Mechanik in den Naturwissenschaften über—
nehmen könnte, ist noch nicht weit genug entwickelt; induktive Forschungen
können daher einstweilen nur mit der populären Psychologie operieren —
oder, richtiger gesagt, nur das psychologische Denken an sich in den Vorder—
zrund stellen und darum an der Hand derjenigen psychologischen Begriffe
vorwärts dringen, die sich im Verlaufe ihrer eigenen Durchbildung ein—
stellen. Für Begriffe der letzteren Art ist in diesem Buche natürlich
auch eine bestimmte Terminologie eingehalten.