Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Was Wunder, wenn sie dabei fast noch leichter als 
Psychiater und Psychologen dem verfielen, was Jules Lemattre 
la recherche pédantesque des sensations rares genannt hat! 
Man höre Dörmann, einen jungen, 1870 zu Wien geborenen 
Mann, der 18091 unter dem Titel „Neurotika“, 1892 unter 
dem Titel „Sensationen“ Gedichte herausgab: 
Ich liebe die hektischen, schlanken 
Narzissen mit blutrotem Mund. 
Ich liebe die Qualengedanken, 
Die Herzen zerstochen und wund. 
Ich liebe die Fahlen und Bleichen, 
Die Frauen mit müdem Gesicht, 
Aus welchen in flammenden Zeichen 
Verzehrende Sinnenglut spricht;: 
Ich liebe die schillernden Schlangen, 
So schweigsam und biegsam und kühl; 
Ich liebe die klagenden, bangen, 
Die Lieder vom Todesgefühl! 
Ich liebe die herzlosen, grünen 
Smaragde vor jedem Gestein; 
Ich liebe die gelblichen Dünen 
Im bläulichen Mondenschein; 
Ich liebe die glutendurchtränkten, 
Die Düfte, berauschend und schwer 
Die Wolken, die blitzedurchsengten, 
Das graue, wutschäumende Meer; 
Ich liebe, was niemand erlesen, 
Was keinem zu lieben gelang: 
Mein eignes, urinnerstes Wesen 
Und alles, was seltsam und krank 
Waren das Auswüchse, die in Deutschland keinen eben 
sehr fruchtbaren Nährboden fanden — wie viel weiter sind in 
dieser Hinsicht französische und auch englische Dichter ge⸗ 
gangen! —, so blieb doch bestehen, daß die neue Lyrik auf 
unterste psychische Vorgänge fundamentiert werden sollte. Nicht 
gar viel später als Dörmann hat Schaukal in einem Aufsatz
	        
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