Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
Und noch heute ist, was wir von ihr besitzen, wesentlich 
künstlerischen Charakters; wie denn noch heute Vielen das künst⸗ 
lerische Ideal das höchste menschliche Ideal schlechthin bedeutet. 
Wohl haben wir schon Anfänge einer neuen Sittenlehre und 
ganz allgemein einer neuen Weltanschauung, wohl vereinigt sich 
stärkste wissenschaftliche Thatkraft und Fähigkeit, eine neue, dem 
kommenden Zeitalter angemessene Seelenlehre zu begründen: allein 
diese wissenschaftlichen Versuche stehen einstweilen noch nicht 
unter dem Zeichen des vollendeten Erfolges, geschweige denn 
daß sich auf ihren Ergebnissen bereits klar umgewandelte 
Einzelwissenschaften erhöben, — und was die Sittenlehre eines 
Nietzsche und die Metaphysik eines Fechner betrifft: sind sie 
nicht vielmehr Ergebnisse dichterischer Eingebung und phantasie— 
voller Vermutung, als unumstößliche Ergänzungen eines festen, 
venn auch noch in sich lückenhaften wissenschaftlichen Aufbaus? 
So ist denn diese neue Kultur einstweilen noch künstlerisch 
zurch und durch, so wie es die Kultur der Minnesänger etwa 
war und die Kultur des Klassizismus; und ganz verstanden 
verden kann sie daher nur bei centraler Betrachtung ihrer 
künstlerischen Erzeugnisse. 
Auf diesem Boden aber wird das, was wir Deutschen 
speziell aufzuweisen haben — denn die neue Kulturentwicklung 
ist ein Gemeingut der europäischen Völkerfamilie, — zeitlich 
begrenzt durch Tonkunst einerseits und Sittenlehre und Welt— 
anschauung andrerseits; eine neue Tonkunst ist das früheste, 
eine neue, jetzt noch dichterische Philosophie ist das bisher 
späteste Kind dieser Entwicklung. 
Tonkunst und Philosophie —: es sind zugleich die weit— 
ragenden Äste am Baum der neuen Kultur, an denen der Genius 
unseres Volkes mehr als der irgend eines anderen üppige und 
reife Früchte getragen hat. Schon im Zeitalter des Klassizis— 
mus waren wir auf diesen Gebieten schlechthin führend: was 
haben England, Frankreich und Italien den Händel und Bach, 
den Mozart und Haydn und Beethoven, was den Herder und 
Kant und den Fichte und Schelling und Hegel an die Seite zu 
stellen? Und auf diesen Gebieten führen wir auch jetzt. Was
	        
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