Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
will etwa, um die Vergleiche dem künstlerischsten der lebenden 
europäischen Völker zu entnehmen, Bizet besagen gegenüber 
Wagner, und Barrèès gegenüber Nietzsche? Hier ruhen die 
starken Kräfte unseres Volkes: in der Macht der empfindungs— 
mäßigen wie der spekulativen Einbildung werden wir auch heute 
noch von niemand übertroffen, und mit nichten hat ein bei 
aller Größe so geringfügiges Ereignis, wie es der Krieg von 
1870 -71 gegenüber dem Ganzen einer schon drittehalb Jahr— 
tausend umfassenden Volksentwicklung war, unsere tiefste Ver— 
anlagung dauernd verändert. 
So ist's recht, wenn der Versuch eines kulturgeschichtlichen 
Verständnisses unserer jüngsten Vergangenheit — und damit 
zugleich unserer unmittelbarsten Gegenwart — mit der Er— 
zählung und Erörterung der großen Ereignisse der Tonkunst 
beginnt und mit der Darlegung der jüngsten Fortschritte der 
Weltanschauung schließt. Dazwischen aber sei dann, breiter 
und behaglicher, weil unverständlich ohne genaue Kenntnis der 
analogen Entwicklung der gleichstrebenden Nachbarvölker, die 
Entwicklungsgeschichte unserer modernen bildenden Kunst und 
der Dichtung gelagert. 
Freilich: wenn so in der Darstellung wie auch chronologisch 
und dem Charakter ihrer inhaltlichen Vollendung nach die 
Tonkunst an die Spitze rückt und rücken muß: so steht der 
Autor diesem Muß nicht ohne Bangen gegenüber. Denn erstens: 
er ist gerade auf diesem Gebiete am wenigsten fachmännisch er— 
fahren, am meisten von fremdem Urteil abhängig. Und zweitens: 
die Darstellung der Entwicklung der modernen Musik hat sich 
tief ins Technische hinein zu erstrecken, wenn sie das Wesen 
der Dinge treffen soll: wird aber hier jeder Leser folgen wollen? 
Doch es hilft nichts: nicht das Wohlbehagen des Lesers, 
die Sache vielmehr hat zu entscheiden; und was den Autor 
betrifft, so muß er sich schließlich bescheiden der Hoffnung ge⸗ 
trösten, daß vielleicht auch auf diesem heiklen Felde Athene ihn 
nicht zittern lassen wird. —
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.