Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Richard Wagner, der 1813 geboren ist, hat einige Zeit 
bor und noch etwas länger nach 1850 den größten Umschwung 
seines inneren Lebens erfahren; es ist bezeichnend, daß er um diese 
Zeit nahezu vier Jahre dichterisch⸗musikalisch unfruchtbar gewesen 
ist. Aber unmittelbar vor und nach dieser mageren Zeit liegen 
die fetten Jahre seiner zwei großen Perioden, der Perioden, da 
er ein Dreißiger war und „‚Rienzi“, den „Fliegenden Holländer“, 
Tannhäuser“ und „Lohengrin“ schuf, und da er ein Vierziger 
geworden war und in emsigstem Empfangen den Grund legte 
zu den vier großen Werken seiner späteren Zeit und der vollsten 
Reife: den „Meistersingern“, dem „Nibelungenring“, „Tristan 
und Isolde“ und „Parsifal“. 
„Rienzi“ ist von Wagner selbst noch als eine Art Gesellen⸗ 
stück angesehen worden. Zwar ist der Meister hier schon 
darüber hinaus, wie in seinen Jugendstücken, den „Feeen“ und 
dem glücklicherweise vergessenen „Liebesverbot“, der Nacheiferung 
fremder Musik auch im einzelnen zu verfallen. Trotzdem liegen 
noch unverkennbare Anregungen aus der sogenannten großen 
hervischen Oper der Italiener und der Franzosen und namentlich 
bon Spontini her vor, Anregungen, die den allgemeinen Charakter 
des Werkes noch so wesentlich bestimmen, daß man es wohl 
geradezu als letzte große Erscheinung der romanischen Helden⸗ 
oper bezeichnet hat. 
Wie ganz anders ist da schon der „Fliegende Holländer“ 
bolles Eigentum der persönlichen Bildkraft Wagners! Als der 
Künstler nach wirren Wanderjahren im Kapellmeisterdienst in
	        
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